Tatort: Am Ende des Flurs (TV, ARD, BR)

Träumerische Anfangssequenz ganz in Weiß, Fotoshooting mit schöner Frau, eine Elegie in Weiß. Narzissen- und Narzismuseinschlag. I am not alone. Der letzte Schluck. Jetzt ist sie ganz bei sich. Ein gewaltiger Schaden. Antidepressiva. Eine Professionelle. Johnny Cash. Doppelte Eintrittskarten. 12. Stock. Lisa Brenner.
Sie ist die Tote. Gefunden vor dem Haus. Sturz aus dem 12. Stock. Frage für den Zuschauer: ist diese Szene eine reale gespielte Szene mit einem realen Gegenüber, das wäre der Mörder oder mit einem fingierten Gegenüber, dann wäre es Selbstmord.

Tatort fast wie ein Requiem auf eine schöne, geheimnisvolle Frau (Fanny Risberg als Lisa Brenner), die als Halbschwedin vorgestellt wird; ihr weiser, tiefer Blick hat etwas Magisches. Das hat sonst keiner der Darsteller in diesem Tatort, zum dem Max Färberböck die Regie geführt und mit Catharin Schuchmann auch das Buch geschrieben hat. Tatort als der Versuch, hinter das Geheimnis einer geheimnisvollen Frau zu kommen. Die ist wirklich gut gecastet, umso bitterer fällt die Geheimnislosigkeit der anderen Figuren auf, das häufige Overacting, die unmotivierten emotionalen Ausbrüche. Was allerdings nicht verwunderlich ist, handelt es sich doch weitgehend um Ex-Vitrio-Figuren, welche vielleicht für ein liebenswürdig-anekdotisches Gauklerstück reichen mögen, nicht aber für unbestechliche Röntgenaufnahmen unserer Gesellschaft, auf welche sich das Publikum inzwischen per Zwangsgebühr im Sinne gelebter Demokratie einen Anspruch erwirbt.

Lisa Brenner, die Frau, die in jedem Mann etwas ausgelöst hat, in jedem etwas anderes, Sehnsucht, Bindung. Sogar Franz, der Kommissar ist involviert, hatte ein Verhältnis mit der Halbschwedin, wird, wie es rauskommt, vom Fall abgezogen. Steht da wie eine Schildkröte ohne Schild. Kompensiert die Schildlosigkeit, den mangelnden Schutz durch die Kommissarroutine mit Overacting. Molluskenacting. Und auch der zurückgebliebene Kollege Kreitmeier agiert wie seiner besseren Hälfte beraubt mit forcierter Spreche.

Der Tatort als ein Aufdröseln der Männerwelt um eine bannende Frau herum mit ruhiger Regiehand, wie geschlagene Rahmsauce. Der struppige Gehalt und die struppige Spielart aufgeschäumt. Zum Beispiel Besetzung des Chefs der Kommissare mit einem Komiker. Oder die Neue von der Spurensicherung, die Blondine, ein solipsistischer Fremdkörper, der gewiss keine Männerwelt durcheinanderbringt. Die merkwürdige Rideck-Figur, seine Korrespondenz, die umfangreichen Recherchen, das zweimalige Einkaufen pro Woche für die Halbschwedin und die Krähe in seinem leeren Haus. Und ein Pathologe, der das Gefühl hat, ständig Bemerkungen über den Tod machen zu müssen. Dazu noch der involvierte, prominente Sportler. Alles Figuren wie ex vitrio; Ausführung dazu siehe oben.
Zwischendrin Oktoberfestimpressionen. Die sollen gegen den Verdacht des Gauklerstückes suggerieren, dass hier vom richtigen Leben erzählt wird.

Der dritte Akt schließlich ist derjenige von Franz-Xaver Kroetz als einem Münchner Bierbrauer von weltläufiger, souveräner Lebenskunst, mehr Playboy und Lebemann im Porsche denn Oktoberfestumzugsbrauer in Tracht und Kutsche und die geheimnisvolle und schönste Frau der Stadt sieht er selbstverständlich als seine Geliebte.

Ach, es ist ein Kreuz mit den Tatorten. Das Hochamt des Fernsehens am Sonntag Abend. Und die Bürger schalten brav ein. Die Macher geben sich alle Mühe, Originelles, Einmaliges und Gesellschaftsrelevantes zu behandeln. Meist wollen sie zuviel reinpacken: Frauengeschichte, Kommissarverwicklung, Jungspund von Assistent (sehr begabt und ehrgeizig), junge Assistentin, die kaum dazu kommt, sich vorzustellen, Thematik des anonymen Hochhauses, ein Komiker als Chef der Kommissare, Pathologen, die originelle Bemerkungen machen müssen plus noch Melodram in der Pathologie, die Frau des Brauers, herzerweichend: „sagen Sie, dass es ein Unfall war“, und ein Potpourri an Männern, die eine Beziehung zu einer geheimnisvollen Frau haben, div. Ansätze, emotionale Ausbrüche zu spielen, Emotionen damit den Mangel an Stringenz der erfundenen Geschichten kompensierend, und neue Ministranten im Hochamt, die feierlich eingeführt werden und die natürlich als phänomenal gut zu gelten haben. Und dann noch die Untersuchung einer geheimnisvollen Frau, des Phänomens Frau schlechthin, nicht als Ehefrau.

Kann die beste Nutte Münchens in so einem heruntergekommenen Hochhaus wohnen?

Ansätze von großer Glaubwürdigkeit bei der Nachbarin Margot Höllerer (Barbara de Koy) trotz reichlich an den Haaren herbeigezogener, reichlich abstruser Geschichte, aber wunderschön gespielt.

Song: I am not alone in the night und über die Einsamkeit der Menschen in so einem Hochhaus, siehe den Monolog der Nachbarin.

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