Gabrielle (k)eine ganz normale Liebe

Wie Frau Holle ihre Federn übers Märchenland, so schüttet Louise Archambault, die mit Valérie Beaugrand-Champagne auch das Drehbuch geschrieben hat, diesen Film verführerisch und reinziehend auf die Leinwand.

In ein lockeres Tableau aus Alltagsszenen eingebettet schildert Archambault die Liebe von Gabrielle zu Martin. Traumhafte Besetzungen mit Gabrielle Marion-Rivard, die selbst unter dem Williams-Beuren-Syndrom leidet und mit dem Schauspieler Alexandre Landry, der den Martin verhalten als ebenfalls von diesem Syndrom Betroffenen spielt.

Martin macht eine Tischlerlehre und arbeitet gelegentlich in einer Tierhandlung. Gabrielle wohnt in einer Wohngruppe für Behinderte, denn selbständig kann sie ihr Leben nicht meistern. Sie erledigt Hilfsarbeiten wie Aktenvernichten in einem Büro.

Der lockere Handlungsfaden, an dem die vibrierenden und verführerischen Stimmungsbilder aus diesem Behindertenalltag aufgereiht sind, ist die Vorbereitung zum und die Teilnahme am großen Open-Air-Laval Musikfestival. Der Clou für unseren Chor, der sich die „Musen von Montreal“ nennt, ist ein Live-Auftritt mit dem berühmten kanadischen, francophonen Sänger Robert Charlebois. Was ihn sympathisch macht, dass er alle Sänger mit Namen nennt, bevor es los geht, wenn er ganz in Weiß auf die Bühne kommt; allerdings nennt er auch zwei, die gar nicht dabei sind; das darf ruhig verraten werden, es ist unser Liebespaar, das sich endlich, nach viel Dreinreden von ängstlichen Müttern und besorgten Pädagogen gefunden hat. Denn auch Behinderte haben ein Recht auf Liebe und Sex. Wobei der sicher nicht unter dem Gestänge einer Musikbühne stattzufinden hat mit Hot-Dog und Orangen-Getränk.

Das ist vielleicht der einzige Einwand, dass sich die Geschichte gegen Ende hin etwas zieht; das hätte man kürzer abhandeln können, so wie alles vorher. Aber der Finalauftritt von Chor und Sänger ist sagenhaft. Hier wird auch die Musikalität und die Beschwingtheit und das oft überbordende Temperament der Behinderten lustvoll zum Leinwandgenuss eingesetzt.

Schon die Chorproben ohne den Star sind beeindruckend. Betörend schöne Woge an Gefühl, nie krampfhaft, voller Überschwang und doch geführt. Es gibt andere Gesangseinlagen, ein Zulu-Chor aus Afrika und eine Lolita-Samba-Song-Einlage.

Eine besonders zarte Szene, wie die Liebenden, die sich noch treffen dürfen, von den Aufsichtspersonen dabei überrascht werden, wie sie sich um die Tattoos an Rücken interessieren und Mama ganz besorgt fragt, ob Gabrielle denn Martins Penis in die Hand genommen habe.

Es entwickelt sich zwischen beiden eine selten heiße, verhaltene, zarte Liebe. Und drum herum die üblichen besorgten Besorgten halt. Gabrielle hat ja auch noch Diabetes.

Die musikalischen Einlagen, die sind richtige Ohrwürmer. Die Liebenden sind altersmäßig längst erwachsen, Gabrielle ist 22 und Martin ist 25. Und wie ihr die Liebe zu ihm verboten wird, macht sie eine richtig verzweifelte Phase durch. Der sympathische Song vom Robert Charlebois: „Ich bin einer von Euch“.

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