Lauf Junge Lauf

Schocktherapie gegen die Angewöhnung des Nicht-Vergessens.
Neuer Farbtupfer in der Flut der Holocaustexploitation- und Holocaust-Nichtvergessenmachenwollen-Filme.
Die schlimmsten Befürchtungen werden anfangs wahr, eine Riesenlatte an Filmförderern im Anspann, dann Winterlandschaft, dröge, holocaustbleigrau und blau. Ein einsamer Junge geht durch die Landschaft. Polen, Winter 1942/43. So sieht es die Holocaust-Filmindustrie gerne und die Förderer auch.

Dann Zeitsprung 6 Monate zurück. Dem Warschauer Ghetto entronnene Flüchtlinge machen Sommercamp, so wirkt es. Die Landschaft wird schöner. Die Kamera entdeckt den Reiz des polnischen Waldes, es könnte aber genau so gut der deutsche sein. Fantastisch so ein Sommerurlaub in der Natur.

Unsere Hauptfigur, der 8-jährige Srulik, verarztet eine Wunde mit dem eigenen Urin, er weiß, dass die Desinfektion damit wirksam ist. Er verliert durch einen Angriff seine Freunde. Jetzt liegt er, dieser Junge mit den abstehenden Ohren, den großen Augen, den breiten Lippen und viel zu gut ernährt für ein Kriegskind, das sich allein in den Wäldern durchschlagen muss und das aus dem Ghetto kommt, im Laub, auf dem Laubboden, die Kamera entfernt sich in die Höhe. Blätter regnen auf die traumhaft schöne Idylle.

Im Kopf des geneigten Zuschauers läuft der Film ab, vielleicht will hier einer die ganze Holocaust-Exploitation-Filmindustrie auf die Schippe nehmen. Vielleicht hat der Regisseur Pepe Danquart beim Dreh mit Joschka Fischer, dem er einen hochlobenden, allerdings nicht entsprechend hochgelobten, Verehrungsfilm gewidmet hat, in einer Drehpause sich über das deutsche Kino unterhalten und die beiden werden gelästert haben und einer hat vielleicht gesagt, für jeden Holocaust-Schmarren kriegst du Geld, aber für gscheites Kino nicht. Zu später Stunde werden die beiden Herren eine Wette abgeschlossen haben, dass der Pepe, wenn er auch einen solchen Film macht, vom Joschka eine Flasche Wein kriegt, und wetten, dass so ein Thema alle Förderer blind mitmachen. Und so muss es denn gekommen sein.

Weiter geht es mit unserem Jungen, der jetzt allein ist, der gute Menschen findet und schlechte. Aber männliche Juden sind nun mal physiologisch als Juden identifizierbar – die Immigration aus muslimischen Ländern gab es zu der Zeit noch nicht -, umso mehr versucht er, nachdem er bei einer guten Frau, die die Partisanen unterstützt, sich in die christliche Lehre hat einführen zu lassen, das Christentum einzuüben. Bald schon kann er bei der Frau nicht mehr bleiben und muss weiter. Mal ist die Bleibe länger, mal kürzer. Mal kann er bei Bauern arbeiten, mal wird er weggejagt.

Schon die Flucht aus dem Ghetto auf einem Pferdekarren war abenteuerlich. Der Soldat, der mit der Spitze des Gewehres in die Waren stieß, unter denen der Junge verborgen lag (eine ähnliche Szene gab es letzte Woche in „Bekas“). Weiter geht also das Holocaust-Disneyland des Jungen durch die in Pointillismus-Manier dargestellte Natur, Seen, Wälder, Felder und alte Gutshöfe. Die Musik wirkt gelegentlich beschwingt walzerhaft. So dass einen die deutsche Nachsynchronisation plötzlich nicht mehr ganz so auf den Wecker geht.

Es gibt eine idyllische Geschichte mit einem Wolfshund. Und zwischendrin kurze Stream-of-Consciousness-Rückblenden zum Ghetto. Einmal wandert der Junge in einem langen Hemd mit einem Stab in der Hand wie Christopherus durch eine Wasserlandschaft. Auf einem Gutshof wird ihm die Hand zerquetscht: das ist allerdings merkwürdig inszeniert, dass er ausgerechnet bei diesem Rad, was von Pferden gedreht wird, seine Zwischenverpflegung hingelegt hat. Im Spital soll er operiert werden. Der Arzt sieht bei der Entblößung des Körpers etwas, was nicht da ist, und weigert sich. So muss dem Jungen tags drauf der rechte Arm abgenommen werden.

Aber der Junge kämpft sich weiter durch schmerzhaft schöne Natur und böse und gute Menschen. Und hofft jetzt sehnlichst, dass die Russen kommen. Dann ist der Krieg aus. Er wird von einem Funktionär des jüdischen Waisenhauses in Warschau ausfindig gemacht und abgeholt. Nach einiger Zeit bricht plötzlich das den ganzen Film über verdrängte Jiddisch aus ihm heraus. Das wirkt enorm, wie ein Vulkan, der solange nicht ausbrechen konnte. Und ein eisiger Wind weht nach all der süßen Holocaust-Exploitation plötzlich im Kino, wenn der Original-Srulik real dokumentarisch im Film auftaucht, wie er mit Kindern und Enkeln in Israel am Strand zugange ist. Es hat ihn wirklich gegeben. Und er ist einarmig. Seine Geschichte wurde als Roman von Uri Orlev weltbekannt und daraus hat Heinrich Hadding das Drehbuch für diesen Film geschrieben. Da weht plötzlich ins Holocaust-Fantasy-Spektakel ein eisiger Hauch Realität herein. Und wir sind kurz herausgerissen worden aus unserer pflichtbewussten Gewohnheit des Nicht-Vergessen-Wollens.

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