„Spuren“ scheint mir nicht exakt die adäquate Übersetzung des englischen Titels dieses australischen Filmes von John Curran nach einem Drehbuch von Marion Nelson zu sein, die die autobiographischen Aufzeichnungen von Robin Davidson zur Vorlage hatte. Der Originaltitel lautet Tracks, was Schienenspur oder Weg bedeuten kann, während „Spuren“ im Deutschen doch gerne metaphysisch im kulturell übertragenen Sinn angewandt wird, in einem geheimnisvollen Sinne, der geistige Aktivität und Nachspüren erfordert. Das ist hier nicht der Fall.
Die Macher scheinen begeistert von den Erlebnissen von Robin Davidson, die 1975 entschieden hat, allein mit einigen Kamelen die Wüste Australiens von Alice Springs bis zum indischen Ozean zu durchqueren und diesen Wunsch auch hat Wirklichkeit werden lassen.
Mit Spuren dürfte also mehr die Linie, der Weg gemeint sein, den sie mit einem Kompass, den sie als Mädchen von ihrem Vater erhalten hat, meistern will. Einen Wecker hat sie auch dabei, wobei sie ihn einmal genervt zu Boden donnert und einmal klingelt er ganz laut, wie sie bei Licht schon auf dem Wüstenboden schläft. Das wirkt lustig.
Aber der Film scheint mir weder eine besondere Lustigkeit noch eine besondere Tiefe noch eine besondere Ernsthaftigkeit, zum Beispiel große, innere Entwicklung der Protagonistin zeigen zu wollen. Er scheint einfach von dieser Idee begeistert, den Weg von Robin nachzugehen, nachzuzeichnen, eine Frau mit drei Kamelen (plus ein Junges) und ihrem schwarzen, nicht allzu wachen Hund, Gitty, allein in der Wüste. Ohne jedes Trara wird am Leitfaden des Enthusiasmus Szene an Szene gereiht. Das lässt ein weites Filmland wie Australien widerstandslos zu. Das ist mir schon mit vielen australischen Filmen so ergangen. Sie führen sich nicht auf, als müssten sie weiß Gott nicht welche Meisterwerke produzieren, welchen irren Spannungsbogen konstruieren, welche Konflikte gerieren. Trotzdem wirken sie immer lässig, erzählen fast mehr von australischer Lebensart, wo man sich nicht auf die Füße tritt, wo man nicht als erstes Bedürfnis verspürt, die Mitmenschen ganz genau beobachten und einzuteilen zu müssen.
Auch geht Mia Wasikowska, die Darstellerin der Robin, australisch angehaucht mit so einer Selbstverständlichkeit durch den Film, sie muss weder eine überspannte Ambition noch eine Tiefe spielen, sie macht, was anfällt für so einen Trip, als bräuchte sie keine Proben, als sei alles One-Take.
Zuerst will sie lernen, mit Kamelen umzugehen, wilde Kamele einzufangen und sie zu zähmen. Das macht sie acht Monate lang bei einem Kamelhändler. Den spielt der Deutsche Rainer Bock als ob er nie Australien verlassen hätte. Aber das Versprechen, dass sie am Ende der Zeit zwei Kamele erhalte, hält Kurt Posel, so heißt die mickrige Figur im Film, nicht ein. Ganz gelassen sieht sich Robin nach einem weiteren Kamelhalter um. Irgendwann hat sie alles beisammen für ihre Tour und zieht los.
Allerdings ist sie mit einem Fotografen einen Deal eingegangen, weil ihr noch Geld fehlte, dass er immer wieder Aufnahmen von ihr machen dürfe. Diese Bilder im National Geographic haben dazu geführt, dass die Tour weltberühmt wurde und im späteren Verlauf ist Robin richtiggehend überfallen worden von einer Fotografenmeute, hat sich aber nicht PR-freundlich verhalten. Da spürt man einen Moment, dass es doch tatsächlich andere Dinge gibt, als nur berühmt zu sein und wie viele Leute heute als professionelle Abenteurer vor allem zur Eigenvermarktung unterwegs sind. Viele Aufnahmen aus dieser Wüstentour erzählen davon.
Mia Wasikowska schaut man gerne zu, sie macht alles mit einer unglaublichen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, ob mit Kamel, Hund, Schlange; sie ist so eine richtig leinwandanschmiegsame Actrice und sorgt allein schon dafür, dass einem die 112 Minuten nicht lang werden.
Australien und das Kino wirken hier unaufdringlich. Und es gibt doch selbst in der Wüste als ob das ganz normal sei, alleweil wieder eine Abwechslung. Die wirken nie kalkuliert, sondern eher intuitiv. Mal ist es eine Halluzination, mal eine Rückblende in die Kindheit, mal hat ein Kamel einen wehen Fuss oder der Hund erwischt Strychnin, Maoris tauchen auf oder Touristen und ein Känguruh darf nicht fehlen, das hat bestimmt die Tourismuszentrale geschickt, mal ertönt ein Lied aus dem kleinen Transistorradio. Spröde aber nicht öde. Ganz gefühllos ist Robin übrigens nicht, aber das muss man in der Wüste ja nicht auswalzen. Ein Tränchen versickert in der Wüste wie nichts.