Westen

Wer eine Ausreise aus der DDR erlebt hat und die Bundesrepublik zuerst im Notaufnahmelager kennengelernt hat, dem wird dieser Film von Christian Schwochow, zu dem Heide Schwochow nach dem Roman von Julia Franck das Drehbuch geschrieben hat, sicher viele Erinnerungen hochbringen, verdrängte und gemischte Gefühle.

Wer allerdings diesen Bezug nicht hat, der dürfte eher ratlos dastehen. Denn Autorinnen und Regie setzen vielleicht zuviel voraus; das Wissen um das DDR-Regime; das Wissen um die Stasi-Atmosphäre; das Wissen um die Kalt-Kriegsatmosphäre; wer das nicht hat, nie kennen gelernt hat, der versteht hier nur Bahnhof.

Es fängt 1975 mit einer glücklichen Familie an, die gerade das Haus für die täglichen Verrichtungen verlässt, keine besonders elegante, eine einfache Arbeiter-Siedlung in der DDR, so viel wissen wir, in Ost-Berlin.

Mutter, Vater, Kind. Es ist Winter. Mutter und kleiner Bub sind schon vor dem Haus. Verstecken sich an der Hauswand und werfen Schnee auf den Papa. Die Filmemacher erwarten vermutlich, dass der Zuschauer sofort den eingeblendeten Text googlet, „Ost-Berlin 1975“, um sich die nötigen Infos zu holen, denn sie selber liefern nur dieses Familienbild.

Schnitt. 3 Jahre später. Es ist nicht Winter. Die Mutter reist mit einem Mann aus der DDR aus. Für kaum einen Zuschauer dürfte identifizierbar sein, ob es sich um den gleichen Mann aus dem Bild von vor drei Jahren handelt. Es werden jetzt ausführlich Zollprozeduren bis zum nackten Ausziehen der Mutter vorgeführt. Das Kind wird separiert. Hier wird die Mutter kurz zum Muttertier, fast hysterisch, „wo ist mein Kind“. Woher diese Hysterie rührt, keine Angaben innerhalb vom Film. Daraufhin steht die Mutter noch bei ihrem Wagen und verfällt in gemischte Gefühle aus Lachen und einem Ansatz zum Nachdenken. Auch hier darf sich der Zuschauer das Wissen aus den Geschichtsbüchern holen.

Kino verengt seinen Wirkraum gewaltig, wenn es auf Gemeinwissen rekurriert, was es als selbstverständlich voraussetzt und glaubt, in der Geschichte nicht erzählen zu müssen. Jetzt folgen die Titel.

Der Rest des Filmes sind Szenen aus dem Notaufnahmelager. Prozeduren der Befragung und peinlichen Untersuchung nach Tierchen zwischen den Achselhaaren, über welche sich zwei westliche Beamte lustig machen, dass die DDRlerinnen sich nicht rasieren würden unter den Achseln.

Ein schwarzer Amerikaner, Vietnam-Veteran, ist der böse Beamte aus Amerika, der alles über das Leben in der DDR wissen will. Aktueller Bezug, ungewollt, ist inzwischen die ganze Abhörchose durch NSA, Prism und ähnliche Internetfilz- und abschöpfdienste. Dieser Schwarze versucht der Frau klar zu machen, dass ihr Mann möglicherweise nicht gestorben ist, wie ihr erzählt wurde. Einen Leichnam hat sie nie gesehen.

Der Film wird ab jetzt vor allem eine Ansammlung von Reminiszenzen aus diesem Lager. Der Bub sucht einen Ersatzvater bei der Figur Hans, hochsymbolisches Spiel, wenn dieser einmal den weißen Pullover seines Vaters anzieht. Beratung wegen Arbeit. Die vielen Stempel, die die Bewohner holen müssen, die alle auf ein freies Leben in der BRD hoffen.

Die Filmemacher haben gar nicht erst den Versuch unternommen, den Romanstoff zu einer spannenden Kinogeschichte umzumodeln. Insofern kann von einem Handlungsfaden kaum geredet werden. Die Ziele von Nelly werden zwar verbal klar, nicht aber aus den Handlungen. So wirkt es immer, als habe die Darstellerin vor jeder Szene den Regisseur gefragt, in welchem Gefühlszustand sie sich gerade befinde. Und da er immer wieder etwas anderes gesagt hat, so spielt sie uns eine reiche Palette an den unterschiedlichsten Gefühls- und Gemütszuständen vor, von wütend, nachdrücklich, glücklich, erschrocken, nachdenklich, versunken, fürsorglich, besorgt,
was für die Glaubwürdigkeit der Geschichte sich als verhängnisvolles Eigentor erweist. Denn wer Menschen erlebt hat in so angespannten Situationen, die sind vor allem konzentriert auf das Erreichen ihrer nächsten Ziele. Da herrscht fast eher angespannte Ruhe. Während hier jeder Schritt emotional kommentiert wird, gefärbt, aber nie als Teil einer Überlebensstrategie kenntlich gemacht.

Besetzung und Inszenierung der ganzen Funktionärsfiguren zeigt mir, dass es heute außerordentlich schwierig geworden sein dürfte, noch Kalte-Kriegs-Atmosphäre filmisch glaubwürdig zu evozieren. Dass Menschen in Notaufnahmelagern Liebesbedürfnisse haben, überrascht nicht besonders; dass es schwierig ist, da durch die Befragungen Misstrauen gesät wird, auch nicht.

Die Kamera versucht mit vielen Hintergrundunschärfen und ständiger Bewegung einen Hauch von Dokumentarrealität einzubringen und der Schnitt kann das alles nicht retten.

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