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Stadtneurotiker anno 2014 in L.A. oder eine skeptische Meditation über die Liebe eines Großtadtmenschen in Zeiten der virtuellen Welten.
Hier geht die Liebe nicht durch den Magen, denn wir sind nicht in Frankreich, hier geht die Liebe durch den Kopf. Und da wir in L.A. und im Heute sind, findet die Liebe sogar ihr virtuelles Double, ein Operating System, selbständige Cumputerintelligenz, die man sich als Partnerin auf den Laptop oder den Computerbildschirm holen kann, nach Lust und Laune verfügbar.

Theodore, Joaquin Phoenix, entscheidet sich nach dem Durchblättern des virtuellen Kataloges für Samantha, wie sie sich aus Intuition heraus spontan nennt. Scarlett Johansson leiht dieser computergenerierten, virtuellen Frau die Stimme. Zu sehen bekommen wir sie nicht. Es wird allerdings eine Stelle geben, wo Samantha ungefragt ein physisches Stand-In, eine nicht allzu agile, nicht allzu attraktive Blondine zu ihrem Abonnenten Theodore Twombly schickt. Da zeigt sich deutlich, dass beim heutigen Stadtneurotiker von L.A., die Liebe nicht über den Körper geht. Sondern über den Text.

Theodore ist ein netter, sympathischer, mitteljunger Mann, wohnt hoch oben in einer gläsernen, eleganten Wohnung eines Wohntowers. Er hatte zwar einmal eine Beziehung, die ist aber zerbrochen. Sein Job ist es, für eine Firma Liebesbriefe auf Bestellung zu schreiben. In einem topmodernen Büro sitzen die Mitarbeiter an Computern, komfortabel, und sprechen die Texte der Liebesbriefe, die die künstliche Intelligenz der Computer sofort in feine Handschrift umwandelt und ausdruckt. Bei Arbeitsende werden die Briefe kurz gescannt und dann in einen Briefschlitz zum Versand eingeworfen.

Theodore ist hochsensibel, irgendwie auch lustig, am Rande zum Komiker mit seinem Schnauzer, seiner schwarzen Brille und seinen Komikerhosen, deren Bund weit über dem Bauchnabel liegt. Aber er ist einsam. Zuhause spielt er gerne ein virtuelles Spiel, dessen dreidimensionales Aufscheinen seine ganze Wohnung in Beschlag nimmt, er hockt nur davor und mimt Bewegungen wie beim Schreibmaschinenschreiben in die Luft und es bewegen sich Figuren, am prominentesten eine Art kleines Mondmännchen, das ihn auch noch blöd anmacht.

Samantha wird zusehends seine Vertraute. Sie, das ist ein Knopf im Ohr und ein Handy mit Kamera, die ihn aufnimmt. Diese jederzeitige Verfügbarkeit dürfte gewissen Machoansprüchen gelegen kommen.

Die Beziehung zwischen Theodore und Samantha wird im Laufe dieses Filmes von Drehbuchautor und Regisseur Spike Jonze immer romantischer dargestellt, die Musik und die Bildgestaltung dazu. Theodore wird mit Samantha einen Ausflug in die Berge machen. Er ist nie mehr allein. Allerdings ist es zumindest gewöhnungsbedürftig, Samantha zum Picknick mit einem Kollegen und seiner Freundin mitzunehmen. Drei Menschen und ein Laptop um ein Picknick versammelt.

Die Liebe geht über den Geist. Mit Samantha kann er sich jederzeit und an jedem Ort unterhalten. Es gibt auch Begegnungen mit anderen Menschen, mit weiteren Kollegen oder sogar ein Blind Date mit einer Asiatin. Aber schon beim Küssen mit der Zunge, wird sie zickig, sie möchte nicht so viel Zunge. Das alles macht Theodore nicht glücklich. Solche Probleme hat er mit Samantha nicht, selbst wenn er virtuell mit ihr schläft, sie gibt ihm genau das, was er braucht.

Theodore schreibt die schönsten Liebesbriefe. Und nur Samantha scheint seinem Geist adäquat. Seine Liebesbriefe werden sogar veröffentlicht.

Ein Film aus dem Heute für das Heute, ein Film der zart die Teileinsamkeit eines gebildeten Großstadtmenschen schildert. Eine grandiose Solobühne für Joaquin Phoenix mit vielen kleinen Regungen im Gesicht, mit viel Perzeption – und wie eine Figur wahrnimmt, wie sie ist in der Welt und im Leben, erzählt oft viel mehr als jeder Text, selbst in einem Film über die Liebe, die über den Text geht, den Liebestext. Auch bei den Komparsen in den öffentlichen Räumen scheinen einige mit einem Operating System zugange zu sein, ihrem Artikulieren und Gestikulieren nach zu schließen.

Das wird später noch eine bittere Pille für Theodore werden, wenn Samantha ihm gesteht, wie viele Kunden sie hat, ihn aber liebe. Das Problem ist aufgekommen, weil das Samantha-System zusammengebrochen war.

Liebe ist aber auch, nur da sitzen und zu Zweit etwas betrachten, zum Beispiel L.A. vom Dach eines Wolkenkratzers aus.

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