Die Hämmer kommen in der Nachspielzeit, nachdem 90 Minuten lang die Grundlagen dafür gelegt worden sind, nachdem die Familie Weston mit unverstelltem Blick vorgestellt worden ist und sich die Feststellung, „Familie ist Segen … und Fluch zugleich“ (ein Zusatz zum Filmtitel auf dem gediegenen Presseheft), schon variantenreich bewahrheitet hat und man schon denkt, ok, das wars, das war sehr ok.

Mit einer grandiosen Eheszene zwischen Meryl Streep als Violet Weston und Sam Shepard als Beverly Weston stimmt der Film noch vor den Titeln auf diese prototypische Ehe ein. Ihr Leben scheint eine einzige Hölle zu sein, sie machen es dazu, denn die drei Töchter sind längst ausgeflogen. Er ist Alkoholiker, sie medikamentenabhängig und hat eine Chemotherapie wegen Mundhöhlenkrebs hinter sich, ihr weißes Haar nur noch dünn und auf Zigaretten wird keinesfalls verzichtet.

Das Innere des Hauses ist dunkel, dunkel, verdunkelt, das helle Licht von Oklahoma wird ausgesperrt, ein Rhythmus zwischen Tag und Nacht ist nicht mehr auszumachen; nur die Hitze dringt quälend in diese Innenräume. Der Anlass für die heftige Szene ist, dass Beverly eine junge Frau aus dem Indianerstamm der Cheyenne als Haushilfe engagiert hat. Allein diese Herkunft der Hilfe sorgt für giftige Bemerkungen von Violet.

Nach den Titeln ist Beverly tot. Es muss ein Freitod gewesen sein. Ob angekündigt oder nicht wird später noch erörtert werden. Nach und nach treffen die drei Töchter von Violet ein. Mit Anhang, verheiratet oder getrennt oder mit neuem Anhang, mit Kindern.

In einigen anfänglichen, exponierenden Szenen wird vielleicht noch augenfällig, dass dem Film ein Theaterstück zugrunde liegt, ein Stück von Tracy Letts, welches John Wells hier inszeniert hat. Innenraumdialoge. Expositionsdialoge.

Aber schnell greift die Dynamik der verschiedenen Emotionen, offenen Rechnungen, unausgesprochenen, unbewussten Verhaltensweisen, der Beschuldigungen, treibt die Familie näher aneinander, beim Leichenmahl vor allem und treibt sie mit der entsprechenden Energie wieder auseinander. Mit Dialogen, die sich gewaschen haben.

Bei der Figur von Meryl Streep kam mir an einigen Stellen eine Überlappung mit der Thatcher-Figur in den Sinn, Anlass mag die pointiert-prononcierte Spreche, sein, die sie sich hier zugelegt hat, eine wie unbewusst kultivierte Rhethorik, die im Untertext nichts als Rechthaberei und Alleswisserei sendet, ein Auswalzen von Konsonanten oder Vokalen, fast ein Kochen der Sprache und deren gezielten Einsatz gegen die Familie, durchaus auch in der ordinären Variante oder bis ins extrem der Intonierung der Hexe im Kindermärchen. Sprache als Munition gegen die eigene Familie, die Violet auf den Wecker geht.

Dem Film vorangesetzt zitiert Sam Shepard den Satz von T.S. Elliot „Life ist very long“. Das Leben ist sehr lang. Entsprechend viele Wahrheiten haben darin Platz. Entsprechend können sich diese verdammten, genetischen Abhängigkeiten wie Familie, ihre Triebe und Schlingen und Netze entwickeln. Dazu passend Country-Music, am Anfang zumindest. Das Lied „wir tanzen um den Stachelbaum“ als schönes Bild für die Familie. Und ab da trägt Violet eine geschmacklose, schwarze Lockenperücke, was zu einer giftigen Bemerkung gegenüber ihrer Tochter Barbara führt, Julia Roberts, deren Haar glatt wie frisch ab Bügeleisen von ihrem Haupte fällt.

Das Thema Wahrheit über die Familie heißt „attack the family“.

Eher gewöhnlich ist der Spruch, dass die Eltern alles für ihre drei Töchter getan haben, während sie selbst noch in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen seien, hätten die Töchter alles vorgefunden für gute Ausbildung etc. Schuldzuschreibungen fürs eigene Unglück, von den Eltern den Kindern gegenüber, („du kannst doch jetzt nicht nach New York gehen“), oder dass das Unglück der Eltern seinen Lauf nur genommen habe, weil die Kinder aus dem Haus gegangen sind.

Eine Riege großartiger Schauspieler schraubt den Film nebst seiner guten Konstruktion nochmal eine Ebene höher, obwohl die Schauspieler ja qua Casting und „zufällig genetisch versammelt sind“, wie sie Familie charakterisieren, bringen dieses familiäre Verhängnis dank witziger, direkter Dialoge und brillanten Spiel perfekt rüber.

Familie kann auch heißen: eat the fish, bitch!
Und die Mutter, die Mutter, die weiß natürlich alles, hat alles immer schon gewusst.

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