Wer den Schaden hat, der braucht sich um den Film darüber nicht sorgen.
Ganz so gemein ist Arne Birkenstock in seiner flott geschnittenen Dokumentation über den berühmten Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi nicht. Schadenfreude über die Reingelegten, die Millionen für von ihm gefälschte Gemälde hingelegt haben, lässt Birkenstock nicht aufkommen. Ja, ein holländisches Sammlerehepaar amüsiert sich darüber, dass an der Stelle, wo der berühmte Campendonk, der schönste noch dazu, der gefälschte leider, gehängt hat, jetzt ein etwas weniger schönes Bild die Wand ziert. Der Frau wäre der (gefälschte) Campendonk lieber gewesen, der war einfach schöner, der schönste Campendonk überhaupt – nur leider nicht von Campendonk. Wobei ihrem Gatten schon wichtig ist, welche Bilder von welch prominenten Namen in ihrer weit ausladenden Villa hängen.

Richtig böse ist nur ein Kunsthändler, ein Betrogener, der von einem superraffinierten Betrüger spricht. Die ganz Boshaftigkeit, die in dem Begriff aufscheint, die wird allerdings im Rest des Filmes bei der Hauptfigur Wolfang Beltracchi nicht eine Sekunde sichtbar werden. Er ist Maler von Natur aus. Genialer Kopist. Schon der Vater war Maler. Malen war für ihn als Kind, was für andere Kinder das Zähneputzen. Das gehörte bei ihm dazu. Das ist seine Profession und wohl auch sein Genie.

Die Frage wird allerdings nicht beantwortet, warum er nicht ein originärer Primärmaler geworden ist, sich selbst einen Namen gemacht hat, sondern offenbar der perfekte Nacherfinder verlorengegangener oder nie gemalter und somit im Werksverzeichnis von Malern nicht vorhandener Gemälde war. Dafür schiebt er dem Vater die Schuld in die Schuhe. Und wie es sich für einen Betrügerfilm gehört, sagt er, er hätte er noch zwei Bilder malen wollen, und dann aufhören, denn er war sich des Risikos durchaus bewusst.

Aber einen Palazzo in Venedig zu kaufen, nebst gläserner Villa in Freiburg, dem französischen Landgut „Domaine des Rivettes“, einem Atelier in Köln, das hätte ihm doch ganz gut gepasst. Stattdessen malt er zur Zeit in einer Gefängniszelle Zeichnungen von Mitinsassen, kopiert die Tätowierungen auf dem Rücken, erfindet Ergänzungen dazu.

Als Freigänger durfte er zusammen mit seiner Mittäterin, seiner Frau, mit dem Filmteam Szenen aus seinem Fälscherleben nachdrehen. Wie er auf Flohmärkten alte Gemälde möglichst günstig ersteht, wie er die Farbe ablöst, Neues drauf malt, den sorgfältig aufbewahrten Staub wieder zwischen Rahmen und Leinwand auf der Unterseite einfüllt. Oder wie er mit einfachen fotografischen Mitteln mit seiner Frau als eine ihrer eigenen Ahninnen die Legende für die Herkunft der sensationellen Gemälde erklärbar macht. Die zweite Heimat sozusagen der Bilder. Denn damit half das Fälscherehepaar, den masslosen Hunger, ja die Gier des Kunstmarktes nach Einmaligem zu befriedigen.

Beltracchi meint, er habe vielleicht dreihundert solcher „Originale“ hergestellt, aber der Kunstmarkt hätte ein Mehrfaches davon geschluckt. Und der Zuschauer fängt selbst an zu philosophieren. Warum gefällt mir ein Bild? Weil es mir gefällt, weil es Emotionen in mir auslöst oder weil ich weiß, also aus Wissensgründen, dass es ein Picasso ist, dass es 21 Millionen Euro gekostet hat?

Echt und falsch, wahr oder falsch, das ist auch eine der Grundfragen des Kinos.

Der Mensch Beltracchi jedenfalls scheint echt, scheint ein Künstler von der Zehe bis zur Haarspitze, nur an der Sache interessiert. Aber wenn er merkt, dass er, indem er eine falsche Unterschrift unter ein Gemälde setzt, Millionen verdienen kann, die Chance nicht auslässt, so ist er auch nur ein gewöhnlicher Mensch. Er ist ein Typ mit der Nonchalance eines Gerard Depardieu. Und von sich gut überzeugt. Hat ja auch immer funktioniert. Bis dorthin, dass es eben hieß, das sei der beste, der schönste Campendonk, der je auf den Markt gekommen sei. Max Ernst hält er mit seinen Schraffuren für kein Genie und Leonardo da Vinci zu fälschen sei kein Problem.

Ein interessanter Vorgang ist die Analyse von Spies, dem Kunstexperten, wie die weniger durch Untersuchung des Objektes zustande kam als durch Herstellung von Vertrauen zum Fälscherehepaar durch gemütliches Beisammensein, durch angenehmes Plaudern in gegenseitigem Verständnis.

Aufgeflogen ist Beltracchi dank eigener Bequemlichkeit, weil er bei einem Bild für kleine Weißpunkte zur Tube mit modernen Inhaltsstoffen gegriffen hat, statt das Weiß selbst anzurühren. Das konnte dank moderner Untersuchungsmethoden nachgewiesen werden.

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