Pompeji 3D

Als ob die Zeit stillgestanden sei. Ein Kuss für die Ewigkeit. Liebende, im Kuss vereint umschlungen und begraben unter der Asche des Vesuv im kurz vorher noch blühenden Pompeji. Diese Figuren müssen für Janet Scott Batchler, Lee Batchler und Michael Robert Johnson der Anlass für das Drehbuch zu diesem Film gewesen sein, den Paul W. S. Anderson als Regisseur umgesetzt hat.

Die Geschichte geht von einem ungleichen Liebespaar aus. Einem „Wilden“ (Kit Harington als Milo), einem von den Römern in Britannien gefangen genommenen Kämpfer, denn sie brauchen Nachschub für die Spiele, bei denen die Gladiatoren um Leben und Tod kämpfen und einer Adeligen Römerin (Emily Browning als Cassia).

Der Trupp mit den neu gefangenen Sklaven ist zu Fuß unterwegs von Britannien in Richtung Italien. Eine junge Adelige überholt diesen Zug in einer Kutsche. Ein Pferd bricht aus, die Kutsche kippt. Der „Wilde“ erweist sich als ritterlicher Helfer. Der Liebesfunke springt gleich über.

In Pompeii begegnen sich die beiden wieder. Der „Wilde“ gilt als hoffnungsvoller Kämpfer. Es sind Prunkspiele. Hier ist vielleicht ein entfernter Zeitbezug zu Sotschi möglich. Auch in Pompeji ist es ein Spektakel fürs Volk, das die Macht der Herrscher vorführen und stärken soll.

Es gibt Komplikationen. Dass die Adelige einem Römer versprochen ist. Und ihren Vater hindert sie beim Spiel daran, den Befehl zu geben, der den sicheren Tod ihres „Wilden“ bedeutet. Weitere Figuren einerseits aus der Entourage am Hofe andererseits aus der Klasse der Kämpfer werden eingeführt, die die Geschichte konfliktreich vorwärtsbringen.

Parallel zu den menschlichen Katastrophen beginnt sich die Naturkatastrophe im Vesuv zu entwickeln. Jetzt sind immer stärker die Trickhandwerker des Kinos gefragt, die Computeranimationsspezialisten, die für Anderson alles geben, um die Katastrophe wirkungsvoll aussehen zu lassen, inklusive ausgelöstem Tsunami, nach und nach einstürzender Arena (die Sklaven sehen das als Rache der Natur). Sie scheinen sich dafür an der Gemäldekultur von Katastrophengemälden aus dem vorvorigen Jahrhundert zu orientieren, der heroischen Malerei der Romantik, wo man sich viel Mühe gegeben hat für die Facetten von Wolken und sich überstürzenden Wellen. Der explodierende Vesuv ist zwar nicht so schön wie eine Atombombe, aber für jeden Pyromantiker nach wie vor für ein Fest gut.

Die Dialoge sind kurz und knapp. In der deutschen Version wirken sie gelegentlich leicht komisch, weil sie mit besonders gewollter Sorgfalt hergestellt scheinen, mit einer Sorgfalt, die in merkwürdigen Kontrast zur Monumentalität in unausweichlichem 3D und zur Gewalttätigkeit von Natur und Kämpfen im Film steht. Besonders Atticus, dem noch ein Kampf zu Tod oder Freiheit fehlt und der sich mit dem „Wilden“ anfreundet, spricht mit einer Stimme, wie sie in der Fernsehwerbung ohne Zögern für die Bewerbung von Medikamenten und mit dem Nachsatz „zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ gebucht würde. So entsteht gelegentlich möglicherweise unbeabsichtigte Komik, da eine andere ästhetische Orientierung von Anderson die am Hollywoodmonumentalfilm á la Spartakus ist, wenn er in einer Pause der Katastrophen Atticus ganz cool sagen lässt, „ich hol die Pferde“, um ihn herum nur Trümmer und kein Lebewesen weit und breit, bis auf die Liebenden, die dem Chaos den Anstrich des Romantischen verleihen; ja, der Satz ist nur der Vorwand, dass die Liebenden, die bis jetzt das gewaltigste, tödliche Chaos überlebt haben, zusammenbleiben können, um baldmöglichst in die jahrtausendelange Aschenstarre zu verfallen.

Eigenartiger Gegensatz auch zwischen der Figur des „Wilden“, vom Körper her voll muskulös, der Kämpfer. Aber vom sinnlichen Mündchen und Blick und den zarten Seitenlocken her, die die Maske ihm verpasst hat, mehr in der Nähe eines süßen Barockengels oder Dürerselbstbildnisses anzusiedeln; er wirkt so in manchen Aufnahmen wie ein dekadenter Kelte. Aber nur so passt er filmisch zur Schmacht-Schmacht-Frau Cassia.

Ein Problem sind bei 3D allerdings schnell geschnittene Mann-zu-Mann-Kämpfe, da geraten die Dimensionen immer kurz mal aus den Fugen.

Trotzdem: es lebe der gute alte Monumentalfilm aus den 50ern, 60ern! Der Film könnte aber auch heißen: die letzten Tage und der Niedergang von Pompeji.

Ein möglicherweise aktuell zu sehender Hinweis auf Sotschi in einem Dialog: Und so etwas nennt Ihr Sport? Nein, Cassius, das ist Politik. Herr Putin würde das sofort unterschreiben; insofern doch auch: der Film zu Sotschi. Und schön: der klassische Chor mit den Masken, der die Spiele kommentiert, das sind doch die Vorläufer der modernen Medien. Oder auch: ein Monumental-Katastrophen-Comic wie auch ein Katastrophen(liebes)genussfilm.

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