Lovely Louise

Handwerksausweis.
Bettina Oberli, die mit Petra Volpe auch das Drehbuch geschrieben hat, zeigt in jeder Szene, dass sie inszenieren kann, dass sie eine klare Vorstellung vom Inszenieren hat, eine klare Vorstellung, was Film sei. Und auch dass sie eine klare Absicht hat, was sie erzählen will, wobei diese Absicht an Klarheit oft die Realität der Performance, also die von Darstellung und Inszenierung deutlich übertrifft.

Annemarie Düringer spielt Lovely Luise. Oder nicht so Lovely, wie das Plakat andeutet, auf dem „Lovely“ gestrichen ist. Diese ist Schauspielerin, spielt in einem Theater in der Schweiz, in Zürich, das offenbar ein Boulevard-Theater ist, und wohnt eher bescheiden in einem Wohnblock im Parterre. Die Bilder von dort erinnern an einen Sterbehilfefilm von vor einiger Zeit („Satte Farben vor Schwarz“ – in diesem Film spielte eine deutsche Schauspielerin mit Hollywood-Vergangenheit die weibliche Hauptrolle). Besonders wenn aus dem Nachbarhaus noch ein Sarg herausgetragen wird.

Louise hat zwei Freundinnen ähnlichen Alters, die gerne zu ihr zum Kartenspielen kommen und die sie wegen ihrer Hollywood-Vergangenheit bewundern. Die „Kiste“ mit Fotos zeugt davon, das ist so eine der netten Miniaturen, aus denen dieser Film zusammengesetzt ist, wenn die beiden Freundinnen wieder einmal (so ist es zumindest inszeniert, dass das eine Gewohnheit sei) voller Entzücken nach der „Kiste“ verlangen, um die Freundin über ihren verblichenen Ruhm scheinheilig zu bewundern.

Luise trägt immer einen Hut. Ihr Sohn André, Stefan Kurt, wohnt bei ihr. Der ist Taxifahrer und stramm Mitte Fünfzig und mit Glatzenansatz. Er versucht, den Muttersohn als Nicht-Macho aber auch nicht ganz einfältig zu spielen, zwischen diesen beiden Eckpunkten etwas schlingernd. Sein Hobby sind Modellflieger, die er in einer Garage in einem schön fotografierten Garagenensemble fast wie in einer Höhle zusammenbastelt und die er auf einem abgelegenen Flugplatz mit anderen Modellflugbegeisterten fliegen lässt. Auch das ergibt nette Miniaturen, die drei Kollegen in ihren Blaumännern agierend wie Trillinge, nett.

Auf dem Flugplatz steht ein Imbisswagen, deren Inhaberin heißt Steffi und mit der bandelt André ein bisschen an. Einmal versuchen sie, es im Taxi zu treiben. Nachher fährt er mit nacktem Oberkörper nach Hause. Diese Figuren sind immer am Rande der Zombihaftigkeit, in manchen Szenen scheint schon der Leichensaft aus ihnen herauszutropfen. Nicht immer.

Eines Tages taucht Bill auf. Er bittet Luise um Autogramme und bringt ihr Blumen. Er behauptet, er sei ein Sohn von Louise und dem berühmten Hollywood-Regisseur Sternberg. Das führt zu ein paar Komplikationen und einem Ortswechsel nach Benidorm und zu blutigen Nasen in einem Swimmingpool; schließlich zu einer kitzligen Situation der drei in einem Auto über einem Abhang und einer riskanten Balanceübung. Weitere, nette Miniatur, mit der die Regisseurin Bettina Oberli erzählt, dass sie das auch kann.

Als Running Gag spielen belegte Brote eine Rolle, die regelmäßig ein My zu deutlich ausgesprochen werden, die sogenannten „Canapees“, hübsch wie Filmminiaturen belegte, dünne Weißbrote.

So kommt mir dieser Film vor, in Momenten entzückend, in anderen altbacken, schon etwas zerlaufen die Canapees. An „Herbstzeitlosen“ kann die Regisseurin, das war ihr Durchbruch, nicht anknüpfen. Dort hat sie mit Stefanie Glaser eine herzgewinnendere Hauptdarstellerin gehabt und die Geschichte war eine runde Komödie. Hier hechelt Oberli dem nach oder sie glaubt, es nicht mehr nötig zu haben; hier versucht sie ein filmisches Canapee zu belegen; mit durchwachsenem Geschick.

Die Musik, die sie drüber bootet erzählt mir zu prononciert vom Bemühen etwas Leichtes zu machen. Film ist Handwerk, schwingt hier mit. Aber es ist nicht unbedingt Konditor-Handwerk, wie es in der berühmten Confiserie Sprüngli praktiziert wird, das auch immer wieder vorkommt. Es gibt zum Jahreswechsel im Handel Wandkalender aus bedrucktem Stoff mit Motiven aus dem Leben drauf; so kommt mir dieser Film vor; wie liebevoll allein die Wohnung von Louise bis ins letzte Detail ausgestattet ist.

Stefan Kurt versucht, so weit wie möglich den Macher-Schauspieler in sich zu vergessen, versucht zu „sein“, perzipierend und mit innerem Monolog; das gelingt ansatzweise, lässt momentweise Kinopoesie aufflackern, über die aber gleich wieder die Wolken des Machbarkeitswahns hinwegdunkeln.

Ein Gedanke: da wird so ein Mordsaufwand betrieben mit Stars und Kamera und Dekor und Locations – und dann kommt so ein dünn belegtes Brot raus, was eher den Macheranspruch der Filmemacherin betont als eine dringliche Geschichte erzählt; Lehrfilm für Canapee-Filmer.

Was ist los mit dem fiktionalen Schweizer Kino? Lebt es noch – oder ist es schon im Sterbehilfeprogramm?

Noch so ein demonstrativ hervorgehobenes Wort: das Loch im Socken, als ob sich darum herum eine spannende Geschichte entwickeln ließe. Ja, vielleicht, aber so nicht so recht.

Eine traumhaft schöne Schlussszene hat sich die Filmemacherin auf der Flugzeugpiste einfallen lassen, aber leider war es nur ein kommentierender Einfall und nicht die Konsequenz aus einer Geschichte; schöner Symbolismus trotzdem; auch wenn die Bewegungen von Stefan Kurt qua Ausdruckstanz dieser Freiheit, die die Regie behauptet haben möchte, zu erzählen nicht imstande sind, da ist er einfach ein zu beherrschter Schauspieler – oder schlicht eine Fehleinschätzung bei der Besetzung.

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