American Hustle

Hamsterradfilm.
„Amerikanische Geschäftigkeit“ könnte der Titel auf Deutsch übersetzt vielleicht heißen. Denn geschäftig geht es in diesem Film von David O. Russel, Eric Warren Singer hat beim Drehbuch mitgewirkt, auch zu. Die rücksichtslose Hektik, das Gedränge im Kampf um die Dinge und die amerikanische Freiheit und natürlich die Moral. Das Hinterherrennen hinter der Vision von Erfolg, von Freiheit. Ja, es geht um die amerikanischen Werte. Oder deren Negativbeschreibung, was der Kampf um diese Werte für Folgen zeitigt. Ergo wird es oft hektisch und laut.

Hier wird keine Oase der Ruhe, kein Spa, keine Fachwerkstädtchenidylle beschworen. Denn alle Figuren kämpfen ständig ums Überleben oder sie glauben, sie müssen in dieser amerikanischen Gesellschaft ums Überleben kämpfen, ums nackte Überleben, selbst wenn sie schon auf einer luxuriösen Etage angekommen sind.

Unsere beiden Top-Ums-Überleben-Kämpfer sind Christian Bale als Irving Rosenfeld und Amy Adams als Sydney Prosser. Später wird sich ihnen als unheilvolles Beimischelement noch der FBI-Agent und lockige Strahlenmann (die Locken dank Wicklern) Bradley Cooper als Richie DiMaso beigesellen. Damit die Überlebenshektik in höheren Etagen noch hochtouriger werden kann. Sie wollen das ganz große Rad drehen. Sie wollen nicht nur die Mafia erledigen, sondern auch noch jede Menge Senatoren der Bestechlichkeit überführen. Ein bisschen viel vor allem für Irving und Sydney, die sich einander primär in ihrer Liebe und Verehrung für Duke Ellington verbunden fühlen, dann aber auch darin, sich mit nicht abgeholten Klamotten aus der Reinigung glamourös einzukleiden; in den geschäftlichen Amoral-Kreisen sind sie eher kleine Lichter.

Aber nicht zu schlecht. Nicht schlecht, wie Sydney die Britin Elize spielt, Eliza von, alter britischer Adel. Beste Bankbeziehungen nach England. Das zieht im kleinen Kreditbetrugsgeschäft. Den Leuten hohe Renditen versprechen und für 5000 Dollar, die garantiert bleiben, den Kreditgierigen die Kredithaie vermitteln.

Bei Sydney ist die Herkunft falsch, bei Irving die Haartracht. Der Film fängt an, wie Irving sich auf einen Auftritt mit dem erfundenen Scheich, der für New Jersey Milliardeninvestitionen der Mafia über bestochene Politiker anlocken soll, sich im New Yorker Plaza-Hotel fein macht, jetzt wissen wir endlich, wie Haarteile geklebt werden, es ist nur ein Büschel, ein Büschel Falschheit auf dem sich kahlenden Haupte, über das energisch überlange Seitenresthaare gelegt werden, damit es voller aussieht. Nur wird das nicht lange halten. Denn die Nerven liegen blank.

Nichts schlimmer, als einem Mann ins falsche Haar zu greifen, erst recht, wenn eine attraktive Frau dies tut. So weit wäre es ja nicht gekommen, Irving wäre mit Sidney längst abgehauen an einen ruhigeren Ort in ein anderes Land, wenn nicht, ja, wenn nicht dem Amerikaner und seinen Filmen die Familie über alles ginge. Und gerade die Familie, resp. die von Irving getrennt lebende Frau tritt im sensibelsten Moment auf den Plan, verlangt ihre Aufmerksamkeit und mischt als schwer berechenbarer Joker wie eine weitere Zündstufe der Rakete mit. Weil Irving einen Buben hat, dem er ein guter Vater sein will und der bei dieser Mutter lebt. Das hält Irving in den Staaten und treibt ihn dazu, die Dinge immer weiter zu treiben. Wie auf dem Jahrmarkt in einem rasenden Gefährt, was sich in immer höhere Höhen schraubt, schwindelerregend, da kann man nicht einfach aussteigen. Man war ja klein in Geschäften, ein paar Waschsalons und in den Hinterzimmern ein bisschen was Illegales, falsche Gemälde und die Vermittlung von fragwürdigen Krediten. Unentrinnbar im amerikanischen Film- und Moral(ideologie)universum gefangen. Das ködernde Projekt heißt: Rebuild Atlantic City.

Ein damals (der Film spielt in den 70ern) noch als sensationelle Neuigkeit geltender Mikrowellenherd zeigt schön wie unberechenbar und unbelehrbar die Frau von Irving ist: kein Metall hinein, meint Irving. Sie macht es trotzdem. Die Folgen sind unerfreulich.

Schönes Symbol: das Trompe l’oeil an einer Prunkdecke. Der Mensch will getäuscht sein.

Während Scorsese mit dem „Wolf of Wall Street“ in der barocken Überfülle des Luxuslebens um den Betrüger herum schlemmt, will dieser Film mit seiner Hektik und häufigen Lautstärke der Auseinandersetzung die Ohr- und Gefühlsnerven des Zuschauers direkt traktieren.

Unentschieden. Soll ich diesen Film gut finden?

Oder ist er mir einfach zu fett moralisch. Wer die Unmoral so ans Tageslicht zerrt, der spricht doch von Moral. Der will sie einem einhämmern. Auch wenn sie selber wiederum nur Mittel zum Zwecke wird, also die Unmoral durch die Unmoral oder den Überehrgeiz eines FBI-Beamten die kleinen Lichter statt sie einzulochen für den ganz großen Coup einspannen will. Wobei der Film von den beiden „kleinen“ Lichtern Irving und Sydney ausgeht, indem die beiden oft auch als Erzählstimmen zu Wort kommen.

Der Film will vielleicht Amerika-Kritik sein, indem er so tut, als seien das die normalsten Dinge in Amerika. Dabei bin ich mir nicht sicher, ob sie es auch sind.

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