Le Passé – Das Vergangene

Die Vergangenheit kann sich leicht zu einem Gestrüpp auswachsen, in dem man sich besser ruhig und besonnen verhält und über das allzu gerne ein Schleier wächst, wie hier in diesem Film von Asghar Farhadi, für dessen Drehbuchadaption Massoumeh Lahidji steht. Dieser Schleier wird sichtbar an den vielen Plastikfolien, die Kleider (Reinigungsgeschäft) oder Möbel (wegen Malerarbeiten in der Wohnung der Protagonistin Marie Brisson (Bérénice Bejo) zudecken oder an Glasscheiben, in denen sich Blätterwerk und Licht oder auch nur schön verteilter Schmutz spiegeln oder Glasscheiben, die sich zwischen Begegnungen schieben, zwischen Marie und ihren getrennt lebenden Ehemann Ahmad (Ali Mosaffa), wenn er aus Teheran kommend im Flughafen Charles De Gaulle auf die Gepäckausgabe wartet, so findet die averbal gestische Kommunikation zwischen den beiden durch die Glasscheiben statt oder wenn später ihr jetziger Lebensabschnittsgefährte Samir (Tahar Rahim) sich mit ihr vor der Drogerie, in der sie arbeitet, unterhält und die automatische Glastür, die zwischen dem Zuschauer und der Begegnung ist, sich automatisch öffnet und schließt, wenn ein Passant auch nur vorbeieilt.

Um die Vergangenheit nicht allzu lebendig werden zu lassen, empfiehlt sich generell ein Duktus gedämpfter Sprache, in dem allerdings gelegentlich lautstarke Auseinandersetzungen wirken wie der Stein, der auf eine glatte Wasseroberfläche geworfen wird. Diese Auseinandersetzungen finden statt, wenn das Böse im Menschen allzu deutlich an den Tag tritt, die Lüge oder das Verheimlichen oder das Ausspionieren von Beziehungen oder gar die Unentschiedenheit und Unzuverlässigkeit, wie sie charakteristisch für Ahmad sind; bei dem man sich doch wundert, was er so alles mit sich machen lässt.

Ahmad kommt nach Paris zurück, damit die Scheidung von Marie endlich über die Bühne gehen kann. Er hat damit gerechnet, in einem Hotel untergebracht zu werden, akzeptiert aber ohne Murren, dass er in Maries kleinem Häuschen absteigen und außerdem das Zimmer mit dem Buben Fouad von Samir teilen muss. Denn der Bub ist bei ihm und mit ihm zu Marie gezogen, weil Samirs Frau nach einem Selbstmordversuch im Spital im Koma liegt; und zwar wiederum, weil Menschen böse sind und im Liebes-Mailverkehr zwischen Samir und Marie hineinspioniert haben, zum Beispiel die halbwüchsige Tochter Lucie von Marie, und diese Erkenntnisse in Umlauf setzten oder weil die Angestellte in der Reinigung, die Samir mit seiner Frau betreibt, keine Papiere hat und deswegen von der Chefin schikaniert wird und Naima deswegen bei einem wichtigen Anruf so tut als sei sie die Chefin und somit weiteres Unglück in die Welt setzt.

Kinder müssen sich, auch das lernen wir in diesem Film, für Böses, für schlechte Taten noch entschuldigen, so wie Fouad, der im viel zu spät nachgelieferten und leicht zerdepperten und geöffneten Koffer von Ahmad gewühlt hat auf der Suche nach dem Geschenk. Während die Erwachsenen also von den Kindern eine Entschuldigung in solchen Fällen verlangen, ist das bei ihnen längst nicht so selbstverständlich.

Vielleicht könnte man diesen Film von Asghar Farhadi als einen weiteren Versuch sehen, eine Art Familienaufstellung filmisch zu bewältigen, ein Brevier des Moralischen wie Unmoralischen in den heutigen, oft gebrochenen und immer wieder sich verändernden Familien. Und da das nur über den Beibezug zur Vergangenheit geht und diese nur sehr behutsam angefasst werden soll, so dauert der Film denn gut und gerne 130 Minuten in seiner breiten, unaufgeregt ausführlichen Erzählweise in ruhigem Lauf, die mir gelegentlich vorkommt, wie ein Aufzeigen mit Bedacht, wie für die Schultafel entwickelt, in prägnanter Deutlichkeit, die gerade durch teilweise Verschwommenheit in Bild als solche besonders auffällig wird.

Die aktuelle weltpolitische Öffnung gegen Iran mag eine pikante und unerwartete Fußnote zu diesem Film sein.

Die Arbeitsplätze Apotheke von Marie und Reinigungsgeschäft von Sami und seiner Frau sind im weiteren Sinne im Bereich der Hygiene anzusiedeln. Um Reinheit kann es nur gehen, wenn die Unreinheit formuliert wird. Dossierfilm. Das Famliendossier von Marie, ihren Kindern und Männern und einer Frau im Koma. Oder auch: Dossier um einen misslungenen Selbstmord.

Für den Titel spricht die letzte Szene, die sich dieser Frau im Koma zuwendet – und sich offenbar nicht recht entscheiden kann: Krokodilsträne, Kratzen oder leichter Druck in die Hand des Gatten? Gegen Letzteres sprich, dass nachdem die Kamera vom Gesicht und der Träne der stummen Protagonistin, um die herum, wie um einen Hohlraum das Dossier ausgebreitet wird, in einem ganz langsamen, ganz bedeutungsvollen Schwenk auf die Hände der Liegenden hinunter gleitet und Samir auf den Druck diese Hand wartet, der Regisseur bereits den Abspann links im Bild einzublenden anfängt, somit des Zuschauers Aufmerksamkeit ganz gemein von der alles entscheidenden (?) Pointe ablenkt. Ein Schlussszene, über die gewiss diskutiert werden kann, die vielleicht die Schlüsselszene bildet. Beziehungstheologie: immer macht der Mensch Böses.

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