Argerich – Bloody Daughter

Klaviergöttin als Mutter.
Ein ziemlich verrückter, fast exotischer Trip, auf den uns Stephanie Argerich, die Tochter der weltberühmten Pianistin Martha Argerich mitnimmt. Wobei sie sich gleichzeitig eines der fundamentalsten Themen der Menschheit überhaupt annimmt: Mutterschaft.

Mit einer Geburt fängt der Film an. Die Filmemacherin bringt einen Jungen zur Welt. Ihre Mutter, die Pianistin, ist im entscheidenden Augenblick gerade am Handy beschäftigt. Es geht um ein ganz besonderes Mutter-Tochter-Verhältnis, um das einer berühmten Mutter, einer Göttin ihres Faches, wie sie zeitweise gesehen wurde, zu ihrer Lieblingstochter, die durch dieses Prädikat wie an sie gefesselt ist. Martha Argerich, die Mutter, ist ein Piano-Wunderkind aus Argentinien mit Herkunfts-Einflüssen aus Russland, den Indios, Europa.

Die Oma von Stephanie selber kam sich gerne vor wie Tschang-kai-Tschek, drum trug sie immer Sonnenbrille. Aber das ist wiederum ein anderes Mutter-Tochter-Verhältnis, in dem es wenig Berührung gab und vor welcher Oma die Enkelin sogar Angst hatte, wenn sie in Genf zu Besuch kam.

Vordergründig und primär geht es um ein Portrait der Mutter, ein Künstlerportrait, eine Künstlerdoku. Aber eben nicht, um Ikonengeschichte zu schreiben, um Verehrungspotential auszuschlachten. Es geht um dieses Persönliche, wer ist dieser Mensch, der so genial Klavier spielt – es gibt ausgiebig Tonbeispiele, Konzertfootage, was allein schon den Klassikfreund erfreuen dürfte – dass sie ständig weltweit auf Konzertreise unterwegs ist oder Schallplatten einspielt. Und die kleine Tochter anfangs immer dabei. Beim Üben lauschte sie unter dem Klavier, bewunderte die großen Füße oder den großen Zeh der Mutter.

Man lernt einen Weltstar ganz privat kennen, die keine Hemmung hat, vor der Kamera privat zu sein, auch wenn sie gerne damit kokettiert, ob die Tochter das alles aufnehmen müsse. Während der Vater, der auch ein bekannter Pianist in London ist, sich effizient dagegen wehrt. Eine Göttin scheint doch anders zu ticken. Kann um so eine Göttin herum eine Tochter noch ein Eigenleben führen? Vielleicht ist dieser Film ein Versuch, sich wenigstens dieses Drehen des eigenen Lebens um das der Mutter herum bewusster zu machen.

Am Schluss sitzt die 70 jährige Mutter mit ihren drei Töchtern von zwei verschiedenen Männern in einem Hain auf einer Decke, die Frauen lackieren sich die Nägel, unterhalten sich ungezwungen über das Zehennägellackieren bis zu existentiellen Fragen. Eine Mutter und ihre drei Töchter. Die erste hat die ersten acht Monate im Heim verbracht hat, weil Konzertpianistin Martha Argerich als Mutter total überfordert war. Dann entführte die Oma das Kind, wodurch die Mama das Sorgerecht verlor. Das Töchterchen ist daraufhin beim Vater, einem Chinesen aufgewachsen; es wollte immer Klavier spielen, aber er hat es ihr verboten. Sie hat mit den Schlümpfen gespielt und Tschaikowsky gehört, ohne zu wissen, dass dieser von ihrer Mutter eingespielt worden ist. Sie hat ein Streichinstrument gelernt. Man sieht die beiden einmal zusammen musizieren.

Die Dokumentaristin meint an einer Stelle, vielleicht wäre sie lieber beim Vater aufgewachsen, der habe ein diszipliniertes Leben, dann hätte sie vielleicht etwas Ordentliches gemacht. Aber man hat es ja nicht nötig in so einer Upper Class. Einen Einblick da hinein bietet so ein Film ebenfalls.

Die Mutter scheint sich nicht gerne an Stundenpläne zu halten, liebt es, ausgiebig in Hotelbetten zu dösen, auszuschlafen, im Bett zu frühstücken. Sie wollte das Kind nicht in die Schule schicken. Sie hält sich die Tochter wie die Erde sich Trabanten hält, so scheint es in manchen Momenten. Ein verzwicktes Verhältnis. Sicher, die Mama muss Genie haben, das ist etwas anderes als das Alltägliche. Aber sie hat auch mit 3 Jahren schon das Klavierüben angefangen, angehalten von den Eltern, von ihrer Mutter. Noch als Teen konnte sie schon ein Stipendium für Gulda in Wien erhalten. Und mit 20 weltberühmt. Dann die Krise. In New York abhängen. Zwei Jahre lang. Dann sich schwängern lassen. Und weil sie mit dem Mann nicht zusammenbleiben wollte, fing sie wieder an zu spielen. Sie wollte immer sie selbst sein. Nie die Tochter von, die Enkelin von etc. Sphinxspiele. Das Lächeln hat sie oft drauf. Sie scheint das Leben locker zu nehmen. Auch wenn von Depressionen erzählt wird. Herrlich auch die Angst vorm Auftritt, ganz faszinierend ist das, dieses Lampenfieber, wie sie am liebsten gar nicht auftreten würde. Und wie die Tochter die Angst übernimmt, wie sie nach dem Konzert erschöpft ist, während die Mutter zehn Jahre jünger ausschaut. Es gibt gravierende Übertragungen, die Mutter hat wohl die Tochter in Krisensituationen auch als seelischen Mülleimer benutzt. Vielleicht eine besonders raffinierte Art, ein Kind an sich zu binden, es vor Selbstständigkeit zu bewahren. Der Film, ein Versuch der Befreiung innerhalb dieses Gefängnisses.

Aber auch eine beschwingte Bio aus einer Gesellschaftsschicht und einem Lebenswandel, die den meisten eher fern sein dürften. Aus einer Upper-Class. Kindheit in diesem Milieu: ein Spielplatz voller Exzentrik und die bei Argerichs ein- und ausgingen, eine Antispießerwelt par excellence.

Die Argerich ist eine generell vergnügte Frau. In einem Gespräch mit dem ihr seit 30 Jahren vertrauten Tourmanager gibt sie zu verstehen, dass sie findet, sie reise zu viel, dass sie keine Freunde habe, dass sie traurig sei. Dass etwas wirklich nicht in Ordnung sei. Ein Punkt, an dem man gerne tiefer bohren würde. Dagegen stehen mitten im Konzert schalkhafte Blicke zum Dirigenten oder auch im Gespräch; dass etwas ist, was diese Mutter für die Tochter unnahbar macht; dieses andere, die Kunst, dieses Genie, der Anspruch von Autogrammjägern.

Andererseits, wenn man sie spielen sieht und hört, so könnte man sich direkt für Klassik begeistern. Die Rituale der Mutter bei Abschieden von der Tochter, vor Konzerten, vorm Schlafengehen (Zehen küssen). Die Tochter ist ein Leben lang ihrer Mutter gefolgt (ein Bericht erstattendes alter Ego der Mutter?). Der Widerspruch zwischen Biologie und Kunst an der Tochter ausgebadet?

Die kettenrauchende, bernsteinkettenbehängte Oma aus Argentinien, Juanita. Auch da Mutter-Tochter-Konflikte. Und der enorme Widerspruch zwischen künstlerischem Genie und Selbstverwirklichung und den Ansprüchen einer Familie. Jüdischer Tanz zu jüdischem Tanz auf Leinwand.
Mutter, ich bring dich zum Gähnen, so war es immer. Diese Doku ist bestimmt nicht zum Gähnen.

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