Der blinde Fleck

Ein Film, der eingreift.
Der Recherche-Journalist Ulrich Chaussy hat mit dem Regisseur Daniel Harrich selbst am Drehbuch mitgeschrieben. Es beruht auf seinen Erkenntnissen zum Oktoberfest-Attentat von 1980 mit 13 Toten und 211 Verletzten, wovon 68 schwer. Dieses wäre, so das Ergebnis seiner Recherchen, ohne Mithilfe des Verfassungsschutzes gar nicht möglich gewesen. Dieser dürfte seine Finger bei diesem Attentat in Spiel gehabt haben. Der Film erzählt als Spielfilm die Geschichte von Chaussys Nachforschungen und den amtlichen Versuchen, diese zu verhindern.

Bald nach dem Attentat fing Chaussy an zu recherchieren und stellte schnell Merkwürdigkeiten und Widersprüchlichkeiten in den Informationen von Staatsanwaltschaft und der Polizei fest. Er will diesen Widersprüchen auf den Grund gehen. Stößt bald auf Ablehnung, gar Verdächtigungen von den Kollegen. Denn die offizielle Information war, dass es sich bei dem Täter um einen verwirrten Einzelgänger gehandelt habe. Um ja keine Verbindungen zur rechten Szene herstellen zu müssen.

Im Film kommt das schöne Bild von der Marionette vor, zu der die Fäden (nach der Tat) abgeschnitten würden. Chaussy war dabei, diese Fäden und die Menschen, die sie bewegten, zu erkunden. Es war nicht nur die rechte Szene, wo die hinführten, es war der Staat selbst! Um die Recherchen zu blockieren schreckte der Staat auch nicht vor Vernichtung von Asservaten unter fadenscheinigen Begründungen zurück.

Der Film zeichnet in gut ausgewählten Abschnitten diese Recherchen nach. Über die ersten Tage, dann im Abschnitt von Jahren. Bis 2006 Chaussy der Sache neuen Schub verleihen wollte, weil inzwischen mit der DNA-Analyse der Kriminalpolizei ein neues Mittel zur Verfügung stand und weil es in der Asservatenkammer noch eine abgerissene Hand gab, die keinem der Opfer zuzuordnen war und die der These vom Einzeltäter widersprach, wie viele andere Zeugenaussagen auch. Aber dumm gelaufen, die Bundesstaatsanwaltschaft hatte „aus Platzgründen“ die Beweismittel vernichten lassen.

Der Film hört 2011 auf, im Zusammenhang mit den Erkenntnissen über die rechte NSU-Terrorgruppe. Aber vielleicht bereitet der Film den Boden für eine neues Aufrollen des Prozesses, denn inzwischen sind Zeitungsberichte erschienen, zum Beispiel letztes Jahr in der Münchner AZ und bislang unwidersprochen, dass ein ehemaliger Verfassungsschützer seinem Sohn vor seinem Tode eröffnet habe, er selbst habe im Auftrag des Verfassungsschutzes dem Attentäter die Materialien für die Bombe beschafft. Das wäre ein unerhörter Skandal, so unerhört, dass zur Zeit die Medien ganz ungleich oder gar nicht darüber berichten.

Zum Film selbst. Überraschend wirken für mich viele der Männerfiguren, ihre Besetzungen, ihr Performance, die durch ihre Sachbezogenheit und sicher auch erstklassige Regie des Regisseurs zum Spinnen und Aufrechterhalten des Spannungsfadens beitragen. Heiner Lauterbach als Dr. Hans Langemann und Polizeichef liefert eine Performance von großer Disziplin und beachtlichem Format. Vielleicht dass so eine Funktionärsrolle vom Schauspieler mehr Beherrschung, mehr Pli verlangt. Auch wie er artikuliert, verfestigt die Glaubwürdigkeit der Rolle.

Schwachpunkte, die den Film eher in den Bereich sorgfältigen Fernsehens verweisen, er wurde ja auch vom BR produziert, mutig, da die bayerischen Behörden nicht im Glanzlicht erscheinen, ist vor allem die Konstruktion und Besetzung der Hauptrolle, des recherchierenden Journalisten Ulrich Chaussy mit Benno Fürmann. Nicht nur, dass er anfänglich verschludert spricht. Für einen Kinofilm, der über das Betroffenheitsgebiet hinaus Verbindlichkeit erlangen möchte, hätte es sich sicher gelohnt, mehr Mühe auf die Analyse des Charakters von Chaussy zu verwenden, auch das Verhältnis zu seiner Frau, was nur knapp skizziert wird, das Klischee vom Mann, der von der Arbeit fanatisiert die Frau vernachlässigt, fantasielosest bedient. Hier wäre kreative Arbeit zur Eruierung des Typen nötig gewesen, um der Geschichte auf der Leinwand Dringlichkeit und Gültigkeit über Bayern hinaus zu verleihen. Um aus dem dokumentarisch Nachgeschriebenen aufregend Fiktionales zu machen. Hier wurde sozusagen das Gerüst für eine Kinogeschichte, zwar gut, aber nicht fertig konstruiert. Gerade Lauterbach hätte einen interessanteren Gegenspieler verdient. Das ist schade. Denn der Stoff wäre gut und brisant genug für großes Kinoformat.

Vielleicht geht just der Sachlichkeitsanspruch, die Einbindung des Filmes in eine Journalistenrecherche, auf Kosten des Cineastischen.

Dass der Film nicht auf Thriller gedreht wurde, zeigt sich gleich in der ersten Szene. Unser Protagonist ist gerade dabei, in einer WG mit seiner Geliebten Liebe zu machen. Die Szene wird nur von einer entfernten Einstellung aufgenommen. Wenn jetzt das Interesses des Drehbuches dem Protagonisten gegolten hätte, so wäre da unbedingt noch ein Close-Up nötig gewesen, um eine dramaturgisch wirkungsvolle Charaktereigenschaft anzudeuten, die Konfliktstoff bietet. Harrich verlässt sich ganz auf den sorgfältig gesponnenen Faden der Recherche. Der trägt andererseits wieder überraschend gut, wobei die Musik gerne den Puls des Fortganges der Handlung aufnimmt und auch ohne zu zögern überhöht. So dass man gebannt der Geschichte folgt.

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