Imagine

Eine polyglotte, europäische Produktion, perfektes europäisches Arthouse, zu dem Andrezej Jaimowski Drehbuch und Regie beigetragen hat, und das hauptsächlich in einer privaten Blindenschule in einem ehemaligen Klosteranwesen in Lissabon spielt.

Der Film ist eine bildschöne, perfekt und gründlich vorbereitete Lektion über Wahrnehmung. Film als Wahrnehmungsschule, hier geht es nur indirekt ums Sehen, es geht um das Sehen mithilfe der Ohren für Blinde. Eine didaktisch ausgeklügelt präsentierte Lektion, die auch ganz cool zu Slapstickelementen greift, wenn die Situation es her gibt.

Die Blinden als die Sehenden und die Sehenden als die Blinden, das wäre fast zu allgemeinplatzhaft. Aber auch das kommt vor. Es gibt ein Kaffee in Lissabon, an dem die berühmte Straßenbahn vorbeifährt. Hier gibt es eine Stammtischrunde von alten Männern, die ihren Tag mit Brettspielen verbringen. Die kriegen gar nicht mit, wenn ein Luxus-Kreuzfahrtdampfer an der Pier anlegt oder vorbeifährt.

Die Hauptfigur ist Jan, gespielt von Edward Hogg. Ein blinder Lehrer, der den Blindenstock verweigert, der sich ganz auf sein Gehör verlässt und aus Geräuschen Rückschlüsse auf Vorgänge ziehen kann. Dass die Katze die Milch aus dem Blechnapf ausgetrunken hat, weil die Katze, die hört man nicht, wenn sie sich bewegt, aber der Hund, der schlägt an. Mit Zungenschnalzen kann man Echos provozieren und wie dieses Echo gebrochen wird, lässt auf Hindernisse schließen. So lässt sich ein Fahrrad, das mitten im Hof steht, leicht ohne Blindenstock finden und zum Beweis die Klingel aktivieren.

Die Methode stößt bei den Offiziellen, bei der Leitung des Institutes auf Misstrauen. Und wenn Jan auf seine Art – im Hof sind immer auch Sehende anwesend, die ihre Kommentare abgeben können – ein Motorrad, das an einer Wand steht, erkunden soll, dabei aber eine Grube übersieht und in sie hineinstürzt, so ist er diskreditiert. Wobei auch Blinde mit Stock mal vor einen Zug laufen.

Es gibt riskante Situationen im öffentlichen Verkehr zu sehen. Die beste Schülerin aber, zu der sich selbstverständlich eine zarte Liaison entwickelt, ist Eva, schon eine Erwachsene, die in dem Anwesen wohnt; wie könnte da der Kontakt besser aufgenommen werden als über die Töne, die Tauben und Spatzen von sich geben, die Sonnenblumenkerne von rostigen Fensterbrettern aufpicken. Man achte auf die Geräusche und wie die zu imitieren sind.

Täuschung allerorten auch möglich. So wird denn Serrano, das ist die eben ausgewachsene jugendliche Figur, gespielt von Melchior Derouet, und auch zuständig für einige komische Momente, den Lehrer bald schon der Lüge bezichtigen; das muss allerdings bewiesen werden, dass er nicht sieht – oh, die Augäpfel kann man wirklich herausnehmen -, dass er weder mit dem Blindstock noch mit dem Sensor arbeitet.

Blinde zu spielen ist eine schauspielerische Herausforderung und Grundübung zugleich, die aber gelöst werden will, und die Darsteller schaffen das mit Bravour. Im Idealfall wird der Zuschauer nach dieser spannenden Lektion das Kino mit geschärftem Gehör wieder verlassen – und hoffentlich passiert ihm nicht, dass irgend ein Lackel das Handy hat klingeln lassen während der Vorstellung. Das dürfte zu jedwedem Moment unpassend sein.

Auch Gemeinheiten kommen vor: die Schüler stellen dem Lehrer einen Schrank in den Weg oder spannen eine Angelschnur, um zu testen, ob er mit Stockverzicht wirklich so viel „sieht“ wie die anderen Blinden. Das kleine too much zu viel an diesem perfekten Stück Kino scheint mir, dass Jan bei einem seiner Gänge durch die Stadt noch an einem Flamenco-Studio vorbeikommt. Das hätte es wahrlich nicht gebraucht, allein die Szene mit dem kleinen Buben Tiago mit dem bunten Hemd allein im Hof, diese Poesie kann durch nichts gesteigert werden; da wirkt ein normaler Flamenco-Kurs direkt ordinär dagegen.

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