Das Geheimnis der Bäume

800 Jahre in 75 Minuten durcheilen, das ist eine gute Zeit. Denn 800 Jahre braucht ein abgeholzter Urwald, bis er wieder vollständig regeneriert ist, bis sich das komplexe Geflecht der Beziehungen von Anfeindungen und Unterstützungen wieder eingestellt hat. Das in 75 Minuten darzustellen geht nicht ohne Animation. So können einem 75 Minuten auch ellenlang vorkommen, denn diese einfachen Animationen des Sprießens und sich Entwickelns und Enthüllens und sich Hochrankens der neuen Pflanzen wiederholen sich gezwungenermaßen im Laufe der Phasen vom Pionierwald über den Sekundärwald zum Primärwald. Und wenn dazwischen immer derselbe Mann, es ist der Botaniker, Zeichner und Urwaldforscher Francis Hallé, der auch die Idee zu diesem Film gehabt hat, auf einem Baum steht oder davor auf einer Astgabel oder einer großen Wurzel oder sitzt und zeichnet oder nicht, so ist auch das ewige Wiederholung des Gleichen die Zeit scheint still zu stehen in diesem Film, wie sie es möglicherweise tut, wenn versucht wird großes Tempo mit Langsamkeit zusammenzubringen oder wenn man versucht, dem Urwald beim Regenerieren zuzuschauen.

Einen unbeweglichen und nicht bewegenden Ewigkeitseindruck hinterlässt auch die Stimme von Bruno Ganz, der in der deutschen Ausgabe dieses Filmes von Luc Jacquet den Text spricht, der aus der Gedankenwelt des Botanikers erzählt, und der optimistisch sein soll, denn er geht von der Überzeugung aus, dass die Urwälder, egal was passiert, sich wieder regenerieren, denn auch sein Samengut tut der Urwald raffiniert schützen und haltbar machen; so wirkt diese Stimme doch eher so, als ob sie lieber im eigenen Saft badet und sich hütet, irgend einen Optimismus zu verbreiten. Vom Inhalt her scheint mir das nicht der passende Tenor zu sein.

Ein kurzes Lamento über das Elend der Abholzung der Urwälder, das mit einem langen Hoffnungstext über deren Regeneration gegengerechnet und mit einem irgendwie beliebigen Musikmix aus der Schublade voluminös aufgeblasen wird.

Die Idee zu dem Film stammt von dem Botaniker Francis Hallé, der seit Jahrzehnten den Urwald beobachtet. Luc Jacquet ließ sich dazu überreden, den Film zu machen. Hallé wird auf Baumkronen gesetzt, gestellt, auf mannshohe Wurzeln, seilt sich von Riesenbäumen ab, steht da oder sitzt und zeichnet vor allem mit Bleistift die Blätter, ihre Formen, ihre Verästelungen.

Ferner hat der Filmemacher, da die Entwicklung eines solchen Waldes ein zäher, langer, langsamer Prozess ist, zu in den Urwald hinein gezeichneter Animation gegriffen, man sieht wie Pflanzen aus dem Boden knospen und sprießen und sprießen bis sie mächtige Bäume geworden sind; und der Filmemacher war davon wohl so begeistert, dass er das immer und immer wieder getan hat, auch wenn der Zeichner sich nicht allzu viel verschiedener Bewegungsimpulse des Rankens und Formens bedient hat.

Aber das ist nicht alles mit der Animation. Man kann das auch zeigen am Beispiel der Passionsblumen und ihrer Evolution allein in wenigen Jahrzehnten zu über 150 Arten im Zusammenspiel mit Schmetterlingen und deren Raupen. Ein herausgezupftes Beispiel unter Millionen. Und wie bei der Regeneration des Urwaldes auch die Tiere wieder dazu kommen, auch die größeren, auch die fleischfressenden, und wie Elefanten oder Affen bei der Verbreitung von Baumarten helfen. Alles voll unendlich vieler Bewunderung für die Geheimnisse und Vielfalt der Natur dargelegt. Und mit vielen Nahaufnahmen von Ameisen und Käfern und Vögeln und Raupen und Termiten und Blüten und Gewitter und Regen und das Wunder der Fotosynthese und Zeitlupen und Kameraflügen über den Urwald und Wasserfällen und der Ameisenbaum und Bäume, die Alarm schlagen und vom Angriff der Feinde und den Früchten als Ködern und der Moabi-Baum und animierte Düfte, die zum Himmel aufsteigen und Regentropfen kondensieren für durstende Bäume und der Satz, dass die Bäume die Zeit verkörpern und ein umfallender Baumriese, der eine breite Schneise in den Urwald pflügt und damit an Orte Licht und die Chance auf neues Leben für Bereiche bringt, die Jahrzehnte und Jahrhunderte kein Licht mehr gesehen haben.

Nach diesem Film braucht einem nicht mehr Bange um den Urwald sein. Aus Distanz betrachtet, wirkt dieser Film wie ein einzigartiger Solitär, der einem im Gedächtnis bleibt und das Bewusstsein mit Urgewalt bearbeitet hat.

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