Gernstls Zeitreisen, Vom Allgäu bis zum Taubergrund (TV BR)

Seit 30 Jahren reist Franz X. Gernstl mit dem Kameramann HP Fischer durchs Land und berichtet dokumentarisch über Begegnungen mit Menschen, denen er mehr oder weniger zufällig begegnet. Dabei hat er viele hübsche, von der Weltgeschichte nicht beachtete Figuren ins Fernsehen gebracht und zu den Zuschauern ein persönliches Verhältnis aufgebaut, eine familiäre TV-Marke entwickelt, hat seine einst kreative Idee, die das Fernsehen revolutionieren wollte, zu einer Institution gemacht, die den Menschen von Menschen berichtet. Er ist sozusagen eine Vertrauensperson im Fernsehen für viele Zuseher im Land. Denn er denunziert nie jemanden, behandelt die Leute respektvoll und doch mit Neugierde und findet meist Berichtenswertes.

Gernstl hat eine gute, leicht pastorale Art. Die meisten Menschen erkennen ihn, wenn er mit seinem VW-Bus auftaucht. Bis vielleicht auf den Mann aus Ulm, der von der Brücke aus Enten füttert und sein Brot auf einer Malerpalette schneidet. Der arbeitet in einem Aquarium, in dem zwei Bären sind. Nein, keine Eisbären, Braunbären.

Jetzt hat Gernstl sich zum Jubiläum auf die eigenen Pionierspuren begeben und Leute wieder aufgesucht, die er auf seiner ersten Reise angetroffen und überrascht hat, einer Reise, die in einer Zeit stattfand, als junge Männer lange Mähnen trugen. Die Geissenhanni, die immer noch ganz zufrieden ist und bei der sich nichts geändert hat, glaubt immer noch an die Vorhersehung und scheint glücklich dabei, die junge Frau vom Bus, „das Landei mit der Löwenmähne“, die nicht weg wollte vom Land und die heute gut situiert verheiratet ist und nach wie vor zufrieden und glücklich auf dem Land lebt oder der Jäger und Lindenblattpfeifer, der nur einmal im Leben ein schwaches Rehkitz geschossen und dann die Trauer der Mutter und der anderen Rehe beobachtet und seither nie wieder ein Tier erlegt hat.

Natürlich verliert so eine Sendung ihre Unschuld, nachdem ihr Überraschungseffekt sie etabliert und beliebt gemacht hat. Vermutlich melden sich viele Leute bei Gernstl, die gerne ins Fernsehen kommen möchten und die er dann auch berücksichtigt. Wie der Sammler technischer Geräte, der wundersame Waschmaschinen und kuriose Plattenspieler (ein Spielzeugauto mit Tonabnehmer kreist selbstständig über die Rillen der Schallplatte) vorführen kann.

Gernstl sagt, dass sich bei ihm genauso wie bei der Geissenhanni nichts geändert habe in den 30 Jahren, außer dass sein Bus jetzt nicht mehr grün sondern rot sei. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Er scheint zwar die Neugier auf die Menschen und die Freude am Reisen nicht verloren zu haben. Aber das Projekt hat sich doch insofern geändert, als er nicht mehr davon spricht, die Welt des TVs revolutionieren zu wollen, sondern dass er jetzt mit seiner Marke und seiner eigenen Firma megaherz in Unterföhring mit 35 Mitarbeitern Geld verdienen will. Das ist zwar nichts Anstößiges, umso mehr als es sich um ein beliebtes TV-Produkt handelt – aber es ist die nicht erwähnte andere Seite der menschenfreundlichen Medaille. Geändert haben dürfte sich auch, dass in der aktuellen Sendung mindestens einmal das Logo des Hersteller seines roten Buses doch mehr als nur zufällig ganz gut ins Bild gerückt worden ist.

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