Only Lovers Left Alive

Jim Jarmuschs Loblied auf die Untoten?
Jim Jarmuschs Nachhängen der Sterblichkeit, sich nicht trennen können vom Leben der Sterblichen?
Jim Jarmuschs morbider Abgesang auf die Sterblichkeit und die Vergänglichkeit?
Jim Jarmuschs Ode an die verblassende Unsterblichkeit der Rockn-Roll-Zeit, eine ewigkeitsnostalgische Vision über das Fortleben der Vinylplatten womöglich über die Zeit der Klimaveränderung hinaus – und sie dreht sich und dreht sich und die Kamera schaut von oben auf sie, ein wunderbarer Filmanfang, dass einem schier schwindlig werden will und die Kamera dreht sich auch über die beiden Protagonisten auch von oben in ihren Behausungen und Requisiten und Möbeln liegend.

So heutig möchte Jarmusch schon sein, dass der Wassermangel kurz zum Thema wird und auch die Verödung der ehemaligen Industriemetropole Detroit, der neuen In-Nostalgie-Location für romantisierender Filmemacher nach Kuba. Dort lebt Adam, Tom Hiddleston, ein alternder Rockstar, den nichts mehr entzücken kann als Gitarrenfundstücke aus den 60ern, seiner Glanzzeit. Jan versorgt ihn mit solchen und ähnlichen Dingen gegen dicke Geldbündel. Ein spezieller Wunsch ist die Beschaffung einer Holzkugel für eine Pistole, die muss besonders schwer sein, es gibt eine Angebotsdiskussion mit expliziter Benennung der einzelnen Hölzer und ihrer Eigenschaften, am besten schwerer als Wasser. Blut, den besonderen Saft, den besorgt Adam sich selbst verkleidet als Arzt inklusive Mundschutz, Brille, viel zu altem Abhörgerät in einem Spital. Denn Adam ist ein Vampir.

In Tanger hängt Adams Geliebte Eve, ewige Geliebte, altmodische Westlerin zuhause oder im Café „1001 Nacht“ rum, verlebt ihre Existenzialismussehnsucht. Dort trifft sie Christopher Marlowe, John Hurt, der auch schon einige Jahrhunderte in seinem Geschreibsel verbringt, offenbar ist auch er ein unsterblicher Vampir. Die Vampire, das sind die Künstler oder die Geliebten. Auch Eve beschafft sich ihren roten Drink. Sie telefoniert mit Adam in Detroit. Sie fliegt über Paris nach Detroit zu Adam. Der lebt zurückgezogen, hat sein Eierkarton-Studio, wohnt in einem Gespensterhaus wie im Film, einige Fans wollen ihn immer noch aufsuchen, das durfte nicht passieren, das moniert er Jan. Eines Tages findet er bei seiner Rückkehr seine Schwester vor. Sie ist aus L.A., wo nur Zombies wohnen. Sie findet Appetit an Jan, der liegt eines Morgens, Abends, denn Vampire schlafen tagsüber, tot da.

Später muss Jan beseitigt werden, das gibt Anlass für eine kleine Detroit-Tour. Das ehemalige Kino Opernhaus, jetzt Parkhaus. Auch schon in einem Dokumentarfilm gesehen.

We are finished, are we?
Begeisterung für eine Gitarre 1959, die William Lewes gespielt haben soll.
Der Drink heißt „Null Negativ“.
Besuch in einer Bar, die geilen Handschuhe.

Eine Negativvision, ein Nachhängen der Sterblichkeit? Erzählt Jarmusch irgendwas, was er nicht schon in seinen früheren Filmen erzählt hat?
Geschmack hat er, gutes Gefühl fürs Erzählen. Tilda Swinton kann man immer zuschauen.
Ein Lobgesang auf die Morbidität, auf die Weltvergessenheit.

Nach der Entsorgung von Jan geht’s erster Klasse nach Tanger zurück, allerdings wäre über London nicht ratsam, so wählt Eve Madrid als Umsteigeort.

In Tanger kommen sie am Kino Alcazar vorbei. Das gehört sich für einen Arthouse-Film.
Die Liebe bleibt. Am Schluss betrachten Adam und Eve in Tanger lange ein Liebespaar, das sich langsam streichelt und küsst. Vorher haben sie einem Konzert einer libanesischen Sängerin gelauscht. Und Eve hat Adam eine arabische Laute gekauft. Dann erst ist die Stimmung gut für eine kleine Vampirmahlzeit an den beiden Liebenden, Adam wird sich die Frau vornehmen. Und wenn Vampire gut gegessen haben, gut gesaugt haben, dann können sie wieder, wer weiß, vielleicht für Jahrhunderte oder für immer aus dem Jim-Jarmusch-Universum verschwinden, kann der Vorhang zugehen.
Für Vampire verblüffend, dass das Menschenblut aus über 80 Prozent Wasser bestehen soll.
I am barely here. Bin ich da, bin ich nicht da?

Jarmusch nimmt einen mit auf einem merkwürdig morbiden Trip, auf eine Rückwärtsvision, geschmackvoll, stillvoll, hängt dem Leben und der Liebe nach. Er zieht einen vollständig durch seinen Nostalgie-Rock-n-Roll-Sud durch, durch und durch.

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