Was ist die Liebe, fragt sich Abdellatif Kechiche, der diesen Film frei nach einem Comic von Julie Maroh geschrieben und gedreht hat. Was ist die Liebe, wo kommt sie und wie in unserem Alltag vor, was bewirkt sie, was ist ihr Preis und vor allem: kann sie ewig dauern? Da er zu keiner definitiven Antwort kommt, nennt er denn seinen Film, inzwischen großer Cannes-Gewinner, im französischen Original „Das Leben von Adele, Kaptiel 1 & 2“. Womit auch klar ist, dass Adele die Hauptfigur ist. Kechiche hat mit Adèle Exarchopoulos eine Schauspielerin gefunden, die mit seiner Hilfe extraordinäre Starqualitäten entwickelt: eine unglaubliche Präsenz und die mit den darzustellenden Gefühlen bis ins Extrem geht und nie einen Moment von erlernter Schauspielerroutine erweckt und deren Gesicht keinerlei Spuren von geometriesüchtigen Gesichtschirurgen aufweist.
Da Kechiche sich für den Menschen in seiner Ganzheit interessiert, er ihn in seiner Ganzheit wahrnimmt und darstellt, sind seine Szenen näher beim Real Life als bei verkürzter Künstlichkeit. Egal, welcher alltäglichen Art die Szenen sind, ob die Familie beim Spaghettiessen oder ob Adele auf dem Schulweg ist oder im College oder bei ihrer 18. Geburtstagsüberraschungsfeier von Freunden und Verwandten oder später im Kindergarten oder bei einer Vernissage ihrer Freundin: immer klopft er die Szene darauf hin ab, wie es gerade um die Liebe und Liebessehnsüchte oder das Liebesglück, die Abwesenheit von Liebe oder um das Liebesleiden von Adele steht.
Anfangs sind es Gespräche in der Schule unter den Mädchen über die Jungs, die sie beobachten, es gibt Dates mit einem Jungen, Küsse, aber es gibt auch den Moment, wo Adele zwei junge, in einander verliebte Frauen entdeckt, das Bild schlägt wie ein Blitz ein, es beunruhigt sie nachts im Bett, sie hat die Vision der Liebe mit jener Frau.
Die Liebe sucht sich ihren Weg. Es gibt einen Besuch in einer schwulen Bar. Es gibt Gespräche mit Frauen. Es gibt die Begegnung mit Emma, Léa Seydoux; hier fängt die Liebe hemmungslos Feuer, die Liebe der noch unbedarften Adele zu Emma, die schon, auch als Schauspielerin, bedeutend mehr Biographie aufzuweisen hat. Sie ist bildende Künstlerin, zeichnet, malt, ist auf dem Wege einer Karriere. Diese Welt fasziniert Adele, die aus einfachen Verhältnissen kommt, aus Verhältnissen, wo ein Teller Spaghetti mit sicht- und hörbarem Vergnügen verschlungen wird, denn hier geht die Liebe durch den Magen.
Das Thema zum Film hat Kechiche mittels einer Schulstunde eingeführt, anhand eines Marivaux-Textes sollen die Jungs und Mädchen ihre Gedanken über die Liebe formulieren, wie sie erkennbar wird, wie sie einschlagen kann. Ein Blitz ist jedenfalls harmlos gegen das, was Adele passiert; eine heiße totale Liebe zu Emma; unsäglich schön gefilmte erotische Sexszenen, traumhaft schön und ausdauernd, sei es bei ihren Eltern in ihrem Zimmer, während die Eltern glauben, Emma würde auf dem Notbett schlafen oder bei den Eltern von Emma, die ihre Freundin ganz offiziell vorstellen darf.
Je schöner, heftiger, intensiver diese Liebesszenen werden, desto mehr fragt sich der Zuschauer, ja kann denn das immer so weiter gehen. Kann es offenbar nicht. Bei einer Party beobachtet Adele Emma mit der schwangeren Lise und spürt intuitiv, dass das mehr ist als nur Smalltalk. Nach der Party gibt sich Emma nur wiederwillig der begierigen, brennenden Adele hin, bremst das Manöver aus. Nicht lange dauert es bis zum Krach und, au, das ist eine heftige Szene!, Emma schmeißt Adele Knall auf Fall raus. Dabei war sie doch ihre Muse.
Die direkten Folgen dieser Trennung erspart uns Kechiche. Springt drei Jahre weiter. Adele ist jetzt Kindergärtnerin. Hält der Beruf sie zusammen? Sie muss ohne diese Liebe weiter leben, aber sie hat sie gehabt; vielleicht wäre ja sowieso öde Routine draus geworden, wer weiß; sie hat gelegentliche One-Night Stands, ein Kollege möchte mit ihr ausgehen.
Und es wird zu erneuten Begegnungen mit Emma kommen. Die ist jetzt mit Lise zusammen. Sie haben ein Kind. Adele hat sich verändert, der Beruf hat sie verändert; sie trägt Brille und die Haare strenger. Dem Zuschauer geht es nicht anders als dem Filmemacher, der sagt, er würde sich sehr interessieren, wie es mit Adele weiter geht. Will sie überhaupt noch eine andere Liebe, nachdem sie diese eine, sensationelle, auch filmisch sensationelle, Liebe erlebt hat, reicht das vielleicht für ein ganzes Leben? Denn zu toppen dürfte das kaum sein. Kann diese Liebe weiter in ihr glühen. Oder muss das Leben lieblos ohne Liebe weiter gehen mit Hingabe an die Kinder, die sie unterrichtet?
Der Film schult den Zuschauer auch darin, wie lebensnah, wie glaubwürdig Kino sein kann, wie nah am Leben, obwohl doch alles durchdacht und inszeniert ist. Weil Kechiche hart am Thema bleibt und es gnadenlos knetet, durchforscht, beobachtet, dürfte das die grandiose Qualität und Faszination dieses Filmes ausmachen.
Also ich habe mich in diesem Film hin und wieder gelangweilt. Klar, die Schauspielerinnen haben alles gegeben und Adele Echarchopoulos hat dieses einzigartige Talent, über ihren Gesichtsausdruck viel zu erzählen. Es passiert auch nicht so oft, dass eine Liebesbeziehung vom Anfang bis zum Ende erzählt wird und sogar auch die Zeit danach beleuchtet wird.
Warum dann also Langeweile? Für mich reiht sich der Film in die Reihe der Amour Fou Filme ein, die ja gerne viel Sex zeigen, denn das ist ja das Hauptfeuer der dargestellten Beziehung (und zieht das Publikum in die Kinos oder zur DVD). Irgendwann stellt sich dann immer in diesen Filmen heraus, dass der (natürlich unglaublich gute) Sex alleine die Beziehung nicht trägt und familiäre Herkunft, unterschiedlichen Lebenskonzepte oder intellektuelle Bedürfnisse eventuell doch eine größere Rolle spielen können. Keine Überraschung!
In diesem Fall geht es mal nicht um älterer Mann/junge Frau, ältere Frau/junger Mann, anonymer Sex/leere Wohnung sondern um zwei Frauen. Ist das schon das WOW? Oder sind die lesbischen Sexszenen das WOW? Ich (Lesbe) habe die ausdauernden Sexszenen als sehr inszeniert empfunden und hier kam dann auch schon wieder die Langweile auf.
Schade, dass an dieser Stelle nicht erwähnt worden ist, dass es zahlreiche Interviews mit den Schauspielerinnen gibt, die ihre Genervtheit über den extensive Dreh zum Ausdruck bringen. Aber am Ende sind alle happy, dass es den Preis für den Regisseur und die zwei Hauptdarstellerinnen gab und der Film damit ein Erfolg ist.
Vielen Dank, Annabelle, für ihre Anmerkung. Vielleicht sind Sie einfach zu abgebrüht im Filmschauen?
Ob die Interviews der Darstellerinnen über die Dreharbeiten zum Verständnis oder höheren Genuss des Filmes hilfreich sind, sei dahingestellt; aber danke auf jeden Fall für den Hinweis.
Zu abgebrüht? Was für eine Antwort auf meinen Kommentar.
Ach so. Wenn ich Sie recht verstanden habe, so hat Sie der Film von dem Moment an gelangweilt, als klar war, dass die beiden Liebenden von unterschiedlicher familiärer Herkunft, unterschiedlichen Lebenskonzepten oder intellektuelle Bedürfnissen sind und da Sie schon viele Filme gesehen haben, wo das nicht gut ausgegangen ist, hat das für Sie eine Art Gesetzmäßigkeit erlangt und also war Ihnen zum Vornherein klar war, dass es auch zwischen Adele und Emma nicht gut ausgehen kann und darum hat Sie das gelangweilt. Das meinte ich mit Abgebrüht, was nun nicht unbedingt das treffende Wort sein muss, vielleicht eher so ein von einigen Fällen auf Allgemeingültigkeit hochrechnendes Denken. Ich habe das aber doch etwas anders gesehen, nicht vor dem Hintergrund einer mir nicht zwingend scheinenden Gesetzmässigkeit, sondern weil der Unterschied bei den beiden Lieben darin besteht, dass es für Adele die erste große Liebe ist, während das für Emma nicht der Fall war. Lise scheint eine alte Liebe von ihr gewesen zu sein. Welche das wissen wir nicht. Aber diese scheint auf das neue Verhältnis zerstörerische gewirkt zu haben.