Obwohl diese Dokumentation vom zur Zeit dominierenden Muster einer Mischung aus Archivaufnahmen und neuen Interviews mit dem Protagonisten und Menschen aus seiner Umgebung, Weggefährten, Verwandten nicht abweicht, lediglich mit kohlezeichnungshaften Animationen noch ergänzt wird, so sollte man den Film von Jay Bulger vielleicht doch besser im Kino anschauen. Denn sein Protagonist, der Jahrhundertdrummer Ginger Baker, könnte womöglich die Fernsehkiste oder den Computer zur Explosion bringen. Obwohl er die siebzig Jahre überschritten hat und an einem Stock geht, ist selbst der Dokumentarist vor ihm nicht sicher. Bei der Verabschiedung nach Ende der Dreharbeiten holte er sich eine blutige Nase, die ihm Baker mit dem Stock über das Autodach hinweg geschlagen hat, wie dieser hört, dass der Dokumentarist sich jetzt auf den Weg mache, seine ehemaligen Wegbegleiter aufzusuchen.
„Beware of Mr. Baker“, das steht auch am Toreingang zum Anwesen in Südafrika, was Baker bis vor kurzem noch mit einer Frau, zwei Stiefkindern, vielen Hunden und 38 Pferden bewohnt hat. Misstrauen ist sein vielleicht hervorragendstes Charaktermerkmal. Verlass ist nur auf Hunde und Pferde, meint Baker an einer Stelle. Und, das sagt er zwar nicht, aber das ist an ihm abzulesen, wenn er mit guten Musikern spielen kann. Zuletzt bei einem Konzert in Salzburg 2010. Da musste er Geld verdienen, weil er keinen Penny mehr hatte, nachdem er sein Landgut in Südafrika und seine Pferde und Hunde hatte verkaufen müssen.
Einer, der ohne jeden Gedanken an bürgerliche Sicherheit und Vorsorge radikal nur der Musik und dem Moment lebt, der nie mit komplizierten Gedanken an das Morgen und Übermorgen sich das Heute vermiesen lässt. Der Spaß muss im Heute sein. Die Musik muss im Heute sein.
Begründet scheint diese Haltung und sein Misstrauen gegen vorgebliche Verlässlichkeiten in einem einschneidenden Erlebnis in seiner Kindheit, wie er mit vier Jahren erlebt hat, wie sein Vater mit dem Zug weggefahren ist in den Krieg, und er ihn nie wieder gesehen hat. Ihm also eine ordnende Leitfigur gefehlt hat. Er hat stattdessen Ordnung, Timing, Takt, Rhythmus in der Musik entdeckt. Denn getrommelt habe er schon immer. Das konnte er von Natur aus. Hier hat er keine Schule, keine ihn leitenden Vorbilder gebraucht. Er zählt an einer Stelle vier Drummer auf, die ihn glücklich gemacht haben. Dabei kommen ihm die Tränen.
Jay Bulger, der Dokumentarist, hat sich eines Tricks bedient, um an den misstrauischen Mr. Baker ranzukommen. Schon vor einigen Jahren habe er einfach behauptet, er schreibe einen Bericht über Baker für die Zeitschrift „Rolling Stone“, was zwar eine Lüge war; aber er habe dann drei Monate mit Baker unter einem Dach gelebt und den Artikel konnte er tatsächlich an „Rolling Stone“ verkaufen. Als Nachbearbeitung dazu ist dieser Film entstanden. In welchem Baker in jeder Interview-Szene eine neues, exklusives Hemd trägt.
Die 38 Pferde habe er sich aus England nach Südafrika einfliegen lassen. Bezahlt habe er sie aus der Gage eines Revivals-Konzertes in der Royal-Albert-Hall mit der berühmten Band „Cream“ mit Eric Clapton und Jack Bruce, welche in Interviews auch zu Wort kommen.
Schöne Szene im Salzburg-Konzert, er entsorgt eine Zigarette, indem er sie in die Luft wirft und sie dort mit dem Trommelschläger zerbröselt, zerfetzt. Nonchalant.
Die Vaterlosigkeit scheint sein Leben geprägt zu haben. Sie äußerte sich in ständigen Orts- und Beziehungswechseln, Unstetigkeit auch mit den Bands, die er immer wieder gegründet hat; das Leben als wahnwitzige Achterbahn eines phänomenalen Menschen und Musikers. Ein Manager meint, mit Baker sei es wie mit einer Rakete, wie mit einem Feuerwerk, das entfalte eine grandiose Wirkung, sei aber auch schnell vorbei.
Sein wildes, geniales Künstlertum. Er konnte überall einsteigen und die Musiker zu ungeahnten Höhen animieren, genau so bei den Watutsi-Drummers in Afrika. Aber er war auch gefürchtet in seiner Radikalität. Dieser sind nicht selten Möblierungen zum Opfer gefallen. Gelegentlich konnte er sich selbst nicht auf dem Stuhl halten, denn auch Drogenexzesse waren seine ständigen Begleiter und es war nicht leicht, davon runter zu kommen. Leidtragende eines solchen Lebens waren seine Angehörigen: seine Familie in England, deren Haus eines Tages einfach gepfändet wurde. Mit seinem Sohn hat er in einer späten Phase in New York im „Iridium“ zusammengespielt hat, aber auch das ging schnell wieder auseinander; keine Dauerhaftigkeit, keine Stetigkeit.