Die Frau, die sich traut

Wieder einer der Filme, die gleich in jene düstere Kammer abgelegt werden können, in denen die Filmwissenschaft, so wie die Medizin in der Autopsie in Gläsern Homunculi und Einäugige und dergleichen Formalin aufbewahrt, deutsche Filme für die Nachwelt präpariert, als Erinnerung daran, welch schräge Blüten das überdüngende Filmförderwesen des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends im Wohlstandsdeutschland hervorgebracht hat. Einer der Filme, die eindeutig Auswüchse des verfilzten Förderwesens sind und die nie gemacht worden wären, wenn Entscheider mit Ahnung vom Kino das Sagen hätten. Letzteres ist definitiv nicht der Fall. Das beweist die vorliegende AOK-Anstrengung zur Popularisierung der Krebsvorsorge, bei der es auch garantiert keinen Wettbewerb um die Hauptrolle gegeben hat, da mag Steffi Kühnert noch so viel Anerkennung als gute und brauchbare Schauspielerin genießen, wobei allerdings die letzte Szene vor der Steilküste der Normandie nach der 12-stündigen Kanaldurchquerung selbst exzellente Darsteller überfordern dürfte – fürs Kino ist das zu wenig; aber das fehlt vielleicht an der Regie von Marc Rensing, der mit Annette Friedmann auch das Buch geschrieben hat.

Der Film zeigt, dass für eine Kinoprotagonistinnenrolle es nicht reicht, eine gute Schauspielerin zu sein, eine gute Schauspielerin zu haben. Das ist das zweite Drama in diesem Film, das im Gegensatz zum ersten Drama, dem Gebärmutterkrebs, auf jeden Fall schlecht ausgeht. Dass es soweit kommen konnte, da muss ich allerdings spekulieren und wenn jemand Gegenbeweise hat, nur zu!, ist auch eine Folge der verqueren Denke des Fördersystems, das sich fügsame Stars am liebsten selbst heranzieht.

Denn Steffi Kühnert ist irgendwie immer dabei, nicht nur, wenn Leander Haußmann Regie führt, sie durfte immer in den besseren Kreisen mittun und mitverdienen und sie hat das immer seriös gemacht. So war es denn an der Zeit, werden sich einige graue Figuren aus den Förderzonen, die vermutlich lieber nicht genannt werden wollen, gesagt haben, dass sie auch mal eine Hauptrolle bekomme. So darf sie uns nun mit ihren guten, schauspielerischen Mitteln als Beate, „die Glückliche“, beglücken, die 50 ist und vor 30 Jahren als DDR-Schwimmerin in Moskau beinah Olympia-Gold geholt hätte.

Jetzt lebt sie in einer undefinierbaren, gesichtslosen Ortschaft in der Nähe von Rostock, wo man hinfahren muss, wenn man Bulgur einkaufen will, Autokennzeichen-Nummer NVP (Landkreis Vorpommern-Rügen ohne die Stadt Stralsund). Sie arbeitet in einer Wäscherei (Quiz-Frage: wie viele frühere DDR-Leistungssportlerinnen arbeiten heute in einer Wäscherei?). Sie lebt mit ihrem Sohn, der garantiert nicht nach der Mutter kommt, und mit der Schwiegertochter zusammen. Sie ist die Oma von Lara.

Eine Viertelstunde gebärdet sich der Film als Quasi-Doku über eine werktätige Hausfrau; das heiß, es gibt viele Einblicke in Kühlschränke, Tiefkühltruhen, Kleiderschränke. Nach den Schrankeinblicken gibt es den Einblick in Beates Innereien: sie erfährt von ihrem Tumor.

Nach einer halben Filmstunde, die die Hausfrauen-Doku weiterführt, entscheidet Beate sich, den Ärmelkanal zu durchschwimmen und nach einer dreiviertel Stunde wird sie in einer Disco die genaue Art ihres Krebses bekannt geben.

Bei der ersten Info über den Krebs erfahren wir, dass der nichts mit Anabolika zu tun habe. Ihrer Freundin Henni, der ewig gut gelaunten und fein geschminkten, erzählt sie von ihrer Erkrankung, aber die Familie dürfe nichts davon erfahren.

Der Entschluss mit dem Ärmelkanal bringt nun die Haushalterei mit Sohn und schwangeren Schwiegertochter in Schwierigkeiten, führt unter anderem zu einem Zerhacken von alten Schallplatten mit einem Beil.

Beate trainiert jetzt verbissen. Zu ihrem 50. Geburtstag erwartet die versammelte Familie sie mit einer Tafel am Strand. Es sind vor allem makellos geschminkte Frauen mit einwandfreiem Teint. Beate kommt vom Training aus dem Wasser. Blut rinnt ihr aus der Badehose das Bein runter. Der Gebärmutterkrebs verlangt nach Sichtung.

Dazwischen gibt es immer wieder verlockende Aufnahmen von der Ostsee inklusive richtig gefühlvollem Sonnenuntergang, die Werbung für Mecklenburg-Vorpommern im Tumor-Vorsorgefilm gut platziert.

Oft kommt in den Alltagsdialogen die Frage vor, was denn hier los sei; im deutschen Film mit 99prozentiger Sicherheit ein Indiz für ein nicht sorgfältig genug gearbeitetes Drehbuch, was in diesem Falle für perfekt befunden und abgesegnet und gefördert wurde von der MFG Baden Württemberg (Geschäftsführerin Gabriele Röthemeyer), Filmland Mecklenburg-Vorpommern (Vorsitzender des Aufsichtsrates, Dr. Uwe Hornauer), Deutscher Filmförderfonds (Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann).

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