Lunchbox

Ritesh Batra erzählt uns eine Liebesgeschichte aus einem Indien, in dem in der staatlichen Verwaltung auf Papier geschrieben wird, in der zwar Harvard-Professoren Abläufe optimiert haben, aber wo weit und breit kein Computer zu sehen ist; aus einem Indien also, in dem das Diktat der Ökonomie noch nicht den Menschen beherrscht; in dem noch Zeit für Menschlichkeit ist und für eine skurrile Liebesgeschichte zwischen Telenovela, Komödie und echter, platonischer Romanze.

Eine Liebesgeschichte zwischen Unbekannt. Als Vehikel dient die Lunchbox. Denn in diesem Indien, in dieser Verwaltung der Regierung gibt es zwar eine Kantine mit Tischen und Stühlen, aber ohne eine Küche. So dass die Frauen zuhause vormittags das Essen für ihre Ehemänner zubereiten und mit einem Fahrradkurierdienst und wohlverpackt mehrstöckige kleine Alu- oder Blechgefäße mit den verschiedenen Zutaten in einer Hülle an ihre Männer schicken.

Ila kocht ausgiebig und steht in ständigem Dialog mit Auntie, dem Tantchen, das eine Etage über ihr wohnt und so wird lauthals über den Hof kommuniziert und auch mal eine fehlende Zutat samt Ratschlägen über einen Korb an einem Seil über die Etagen nachgeliefert.

Nun passiert das Malheur: die Lunchbox landet bei Saajan Fernandez, gespielt von Irrfan Khan, einem veritablen, indischen Star. Er steht kurz vor der Verrentung und bekommt schon seinen Nachfolger zugeteilt, Shaik, der als Waisenjunge aufgewachsen ist, nicht besonders groß geworden und diese Defizite offenbar mit Angebereien kompensiert; wodurch er auch den Job bekommen hat. Saajan genießt das Essen aus der irregeleiteten Box und schickt die leeren Gefäße mit einem kleinen handgeschriebenen Dankeschön zurück.

Ab da wird die Box immer ihm geliefert; die Briefe werden intensiver. Die beiden erzählen sich aus ihrem Leben, kleine Begebenheiten, zum Beispiel ein Erlebnis aus dem Pendlerzug, wo Mann und Frau dicht aneinander stehen und die Hand einer Frau in seine untere Gegend geglitten sei; er reagiert stoisch darauf. Oder der Traum von einem Leben in Bhutan und dessen Bruttosozialglück.

Ein thematischer Running-Gag wird der Spruch einer Mutter: dass auch ein falscher Zug zum richtigen Bahnhof fahren könne. Der Film wird so teilweise zu einem aphoristischen Film mit hübschen Weisheiten aus dem Leben. Der aber Momente trockener Komik aufweist, die nie knallig sind, das Hochzeitsfoto von Shaik beispielsweise. Oder die Info, dass die Regierungsakten nach Gemüse stinken – denn der Angeber Shaik hat darauf sein Gemüse geschnetzelt. Oder die stocktrockene Info auf die Nachfrage nach einer Nachbarin: sie haben den Ventilator gereinigt – während er in Betrieb war. Der Film wirkt stellenweise wie ein Streiflicht auf einen Ausschnitt indischer Realität wie zufällig aufgefangen nicht für die Kamera extra aufgestellt und ergibt diesen und jenen Einblick in die nähere menschliche Umgebung unserer drei Protagonisten.

Allerdings ist mir gegen Ende hin nicht mehr klar, wieso Saajan immer noch diesen schuldbewussten Blick ins Rund schweifen lässt; er fährt nach Navik und da steht das Haus, das mit seinem Familiennamen bezeichnet ist: Fernandez. Wahrheit und Komik liegen in diesem Film oft nah beieinander.
Und wofür Mandeln gut sind, das wird uns Auntie verraten.

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