Kino von Bernardo Bertolucci über Coming-of-Age, das sich in keiner Weise modisch gibt, noch sich an Trends und Slang der modernen Jugend ranzuhängen, anzubiedern, ranzuwerfen versucht.
Luxuskino, Genusskino, Kinoluxus, Kino pur ist das, was uns Bernardo Bertolucci hier bietet. Wie eine Luxusküche nur mit den feinsten Zutaten und alles perfekt und harmonisch dosiert. Ein Kino, was die Freude am Kino wieder erwecken kann. Und keines dieser unsäglichen internationalen Koproduktionsprodukte mit den vielen unverträglichen Koproduktionszwangszutaten, mit all diesen Koproduktionsgeschmacksneutralisierern und synthetischen Geschmacksverstärkern.
Eine kleine Geschichte über das Coming of Age von Lorenzo. Schon die Vorarbeiten zum Dreh, also die Bearbeitung des Romans von Niccolò Ammanti war außerordentlich sorgfältig. Am Drehbuch hat nicht nur Bertolucci gefeilt, sondern auch Umberto Contarello und Francesca Marciano. Hier herrscht ganz klar ein Bewusstsein für die Differenz von Literatur und Kino. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, wird einen beschwingt aus dem Kino entlassen, selbst wenn man nicht zur Zielgruppe gehört.
Denn auch die nächsten Schritte der Produktion dieses Filmes zeugen von höchster Sorgfalt und einem tiefen Bewusstsein über die Schwierigkeiten, Kino zu machen. Für die Besetzung der beiden Hauptrollen Lorenzo und Olivia hat sich Bertolucci fast die ganze Generation möglicher Darsteller für die beiden Rollen in Italien angeschaut und sich nicht von irgendwelchen Castern ein paar Tapes mit deren Lieblingen vorlegen lassen und sich dann einige noch in Natura angeschaut. Hier wurde an der richtigen Stelle enormer Aufwand betrieben.
Olivia ist die Stiefschwester von Lorenzo, der im Film aknehafte 14 ist; sie ist etwas älter. Wird aber zu ihm stoßen, wenn er sich im Keller des feinen Hauses in einer italienischen Großstadt, statt mit der Schule in Skiurlaub zu reisen, einnistet, um endlich Zeit für sich und seine Ameisen und vor allem Ruhe vor seiner Mutter zu haben. So wird der Keller zum Raum eines Kammerspieles für zwei Personen; für welches allerdings keine Leinwand zu groß sein dürfte.
Um die erzählerischen Qualitäten dieses Filmes angemessen einschätzen zu können, wäre ein Gedankenspiel vielleicht auch hilfreich: wie würde die Verfilmung desselben Stoffes aussehen, wenn hochsubventionierte deutsche Filmer im Rahmen des deutschen Fördersysteme sich daran versuchten? Eher läuft es einem kalt den Rücken runter. Denn allzu leicht ist das nicht.
Ein Film, der hauptsächlich in einem Keller spielt mit zwei Fenstern hoch oben auf den Bürgersteig hin. Lorenzo hat sich generalstabsmäßig für seine Auszeit vorbereitet, Einkaufen von je 7 Teilen diverser Lebensmittel und Getränke. Den Laptop hat er selbstverständlich auch dabei. Und im Keller sind zum Glück noch ein paar Klamotten von Olivia verstaut. Lorenzo stört es anfänglich, dass sie ihn in seinem Versteck entdeckt hat.
Olivia hat verheißungsvoll als Fotografin angefangen, ist Junkie geworden und abhängig. Was allein das Fehlen der Drogen an Spielmöglichkeiten bietet. Bertolucci lässt da nichts aus: Schönheit, Verruchtheit, Leid und Sehnsucht, dazu noch ein rotes Sofa, was mit jeder Szene schöner wird. Auch das zeigt den Meister, wie sich der Raum entsprechend der menschlichen Entwicklung der Figuren behutsam verändert. Lorenzo wird durch die Auseinandersetzung mit Olivia die wichtigste Entwicklung machen, die einer in der Pubertät vielleicht machen kann, gegen die Selbstentfremdung durch die körperlich-seelische Entwicklung: er wird hinaus gehen können, sich zeigen können, er hat entdeckt, dass auch er einen Anspruch auf Liebe hat.
Ein Hinweis auf die faszinierende Meisterschaft im Umgang mit dem Medium Kino ist nicht nur die Auswahl des Castes, sondern auch die Führung der Figuren, ihr Spiel, was in jedem Moment glaubwürdig ist.
Bernardo Bertolucci, der große Meisterregisseur, sitzt seit zehn Jahren im Rollstuhl und hat erst mit diesem Film und mit über 70 Jahren seine Arbeit wieder aufgenommen (ein Rollstuhlfahrer im Film muss da vorkommen; die öfter etwas tiefe Kameraperspektive möglicherweise als eine kleine Referenz an diese Situation). Er begibt sich hier vom internationalen Großparkett zurück zu seinen Wurzeln, es ist sein erster italienischer Film seit langem.
Die beiden Protagonisten mit unübersehbaren Kinostarqualitäten, ihre Beweglichkeit, ihre markanten Kinne, ihre Ausdrucksstärke, die großen Augen vor allem von Lorenzo, Schönheit, die Leiden kennt, so vielleicht zu beschreiben.
Auch der Humor fehlt nicht; wenn die Mutter ihren Sohn auf seinem Handy im Keller anruft, glaubend er befinde sich in den Skiferien, reißt ihm Olivia den Apparat aus der Hand und meldet sich als die Lehrerin Stefanelli der Parallelklasse. Kein neuer Gag. Aber mit leichter Hand, weil der Moment gerade richtig für eine Auflockerung war, hingezeichnet.
Olivia hatte Erfolg mit ihrer Fotoserie „I am a Wall“. (sicher auch das Geheimnis von Filmstars andeutend, von Künstlern vielleicht sowieso).
Kino um des Kinogenusses willen – tief menschlich.