Die Tribute von Panem – Catching Fire

Ein Konglomeratsfilm um Macht, Machterhalt und Unterdrückung, um Politik also, um Aufstand und Kampf und Kampf ums Überleben, um den Kampf „Jeder gegen jeden“, um das Verschwenden oder das Verbrennen der Jugend, um Liebe und Show, ein dichtes Gemenge aus römischem Monumentalfilm (Auftritt der Kämpfer auf den Pferdewagen der Gladiatoren in vor Machtinsignien strotzendem Setting), Blick hinter die Kulissen von VIPs und Promis (kurz vorm TV-Show-Auftritt oder im Victory-Tour-Zug; Nähkästchenblick), Samstag-Abend-TV-Show von anno dunnemals (Mannschaften treten in ungewöhnlichen Disziplinen gegeneinander an), Modenschau (speziell die PR-Betreuerin des tourenden Siegerpaares, die jedes Mal in einem neuen, extravaganten Kostüm auftritt, ein Pfund mit dem der Film auch PR-mäßig wuchert), Auspeitschung á la urchristlicher Märtyrer, Dschungelcamp-Fernsehen, Liebesgeschichte und Fake-Liebesgeschichte aus PR-Gründen (das ist der komische Moment im Film, wenn zwei Kameras an Roboterarmen, die selbst schier wie Liebende tanzen, die vorgespielte Liebesszene zwischen Katiness und Peete live in eine Massenveranstaltung in einem Studio übertragen), Vereinnahmung des Sports und seiner Sieger durch die Politik in der Victory-Tour durch die Distrikte (die teils an Auftritte von Faschingsprinzenpaaren erinnert, teils an das Zelebrieren von Bierernst wie bei Krönung, Vereidigung, Glaubensbekenntnis), das-Leben-ist-ein-Hamsterrad-Philosophie (die Sieger kommen nicht zur Ruhe und müssen wieder antreten), Jeanne-D’Arc-Auferstehung und Revolutionsheldin, die hübsche Hauptdarstellerin, die vom ausgebeuteten Volk in den Distrikten als Freiheitsheldin und Aufstachlerin zur Revolution gefeiert wird, deren Kleid sich noch dazu gerne entflammt, (erinnert an den Scheiterhaufen), homo homini lupus: nur einer wird überleben (weichgespülte Form von Takeshi Kitanos „Battle Royale“).

Für München dürfte dieser Film nach der Ablehnung der Bewerbung für die olympischen Winterspiele 2022 vielleicht kein guter Film sein, Parallele zum IOC: Donald Sutherland als der Gott Snow und Philip Seymour Hoffman als der skrupellose Spielemacher könnten Thomas Bach sein.

Insgesamt der Eindruck eines solide zusammenmontierten Streifens, der allerdings streng vorkantianisch, altmodisch und prüde riecht (trotz modernistischer Effekte wie ultramodernste Überwachungsmethoden á la NSA und Prism-mäßige Generalüberwachung sichtbar in omnipräsenten Hologrammen zur Verfügung der Mächtigen oder Laserstrahl-Bogenschieß-Training).

Ein Wunder passiert in dem Film auch: dem Köcher der Heldin gehen nie die Pfeile aus.

Nomen est Assoziation. Panem spricht sich in der Originalfassung aus wie Pan Am (das war einmal eine amerikanische Fluggesellschaft).
Peete ist ein Peter, der sich anhört wie Pita.
Katiness ist wohl die Kindness aller Kathis, aller Reinen, und zwar nicht Evergreen, sondern Everdeen (Ever die Norm Din A4 könnte der Deutsche assoziieren).
Nach 90 Minuten Vorbereitung und todernsten Zelebrierens und Zeitschindens gibt’s endlich den Launch zur neuen Show.

Die Gefahren im neuen Spiel, was kein Spiel mehr sei, das sind ein giftiger Nebel, mäßig animierte, angriffslustige Vögel, böse Affen, die sich für Werwölfe halten, Blitze, die in einen im Dschungel herausragenden Baum schlagen und derlei Jahrmarktsattraktionen mehr.

Nach zwei Stunden Spielzeit gibt’s ein ganz kurzes, vermutlich aus Unterschätzung des Zuschauers gekürztes, besinnliches Gespräch zwischen Katiness und einer anderen Kämpferin, über die Liebe und über die junge Frau, an deren Stelle die greise Mag, die von einem Helden auf dem Buckel durch den Urwald getragen wird, getreten sei und wieso.

Weniger als eine halbe Stunde später und nach einem rettenden Pfeilschuss in den künstlichen Dschungelhimmel durch unsere Heldin ist das Spiel bald aus.

Eine Art Willkommensritual für die blühende Jugend in der widerlichen, abgestandenen Erwachsenenwelt, ein happiger Begrüssungscocktail angereichert mit viel künstlichem Süßstoff und einer satten Prise dämpfenden Mittels in der hoffnungslosen Welt der Erwachsenen.

Das Ko-Drehbuch schrieb Simon Beaufoy nach dem Roman von Suzanne Collins, die Regie führte Francis Lawrence.

6 Gedanken zu „Die Tribute von Panem – Catching Fire“

  1. Vielen Dank, Frank, für das Feedback.
    Es wäre natürlich interessant zu wissen,
    welche Qualität das Buch hat, die der Film möglicherweise
    nicht hat.

  2. Hallo, habe erst zu spät gesehen, dass es schon eine Kritik des 2. Teils des Films hier gibt. Entschuldigt also, aber ich möchte gerne der Einschätzung von Stefe mein Kommentar zum 1. Film noch hinzufügen, da ich glaube, dass es in dem Film gar nicht so sehr um die Spiele an sich geht:

    „In diesem Teil ist die Botschaft nicht mehr so versteckt. Es fallen Sätze wie “Dieses Gesetz ist von Menschen gemacht und kann von Menschen rückgängig gemacht werden” (Eines der Tribute wird vom TV-Show-Moderator gefragt, was sie von der Ankündigung, dass es Jubel-Jubiläums-Spiele geben soll, hält.) Die Tribute fangen tatsächlich an sich zu solidarisieren. Unter anderem wird Katniss mindestens 2 Mal dazu aufgefordert, nicht zu vergessen, wer der wahre Feind sei, wenn sie in der Arena ist. Peeta stellt auf der Victory-Tour im Präsidentenpalast fest: “In unserem Distrikt hungern die Leute und hier kotzen sie, damit noch mehr hineingeht.”
    Im Übrigen finde ich auch sehr authentisch, dass Katniss wie auch Peter und später Gale Angst zeigen. Sie sind nicht von Anfang an die tapferen Helden, sondern Sorgen sich in erster Linie um ihre Familie. Man spürt, wie sie sich nicht anders entscheiden können, als schlussendlich sich zu wehren. Im Grunde werden sie durch das System, dass sie unterdrückt erst zu dem gemacht, was dieses System bedroht. Und eine weitere ganz große wichtige Botschaft wird überbracht durch diesen Film: Hoffnung und die Erkenntnis, dass man sich wehren kann.

    Gruss von GamsImKino500 – nur ein einfacher Zuschauer…

  3. Vielen Dank, GamsimKino500, für den ergänzenden Hinweis. Das ist ein wichtiger Aspekt der Geschichte. Wobei das mit der Hoffnung sicher noch genauer ausgeführt werden müsste. Welche Hoffnung? Das Kino als Hoffnungsbringer, als Ersatz für die christliche Hoffnungsbotschaft? Oder als Konkurrent dazu? Gehen die bisher über 2 Millionen sicher vorwiegend jungen Besucher mit der Hoffnung (oder der Illusion?) aus dem Kino, dass sie es schaffen würden im Erwachsenenleben, dass sie sich selbst durchsetzen würden? Opium fürs Volk? (für die „einfachen“ Zuschauer?)

  4. Hallo Stefe, schwierig die eigenen subjektiven Gefühle nach dem Besuch dieses Films in Worte zu fassen:
    Wahrscheinlich hast du recht damit, dass es etwas naiv ist, diesen Film allein als Hoffnungsträger zu bezeichnen: Kino ist an sich auch eine Art ‚Brot und Spiele‘, wie das Dschungelcamp und seine Clone. Um so mehr freut es mich, dass der Film es geschafft hat vielschichtiger und tiefgründiger zu sein, als ich das sonst von Action oder SciFi Verfilmungen gewöhnt bin. Zumindest laut der Autorin der Buchtrilogie ist eine gewisse Reflektion der bestehenden Verhältnisse beim Leser / Zuschauer beabsichtigt. Und das spiegelt sich auch im Film wieder. Bestimmte Untertöne hätte man sicher auch weglassen können, ohne finanzielle Einbußen fürchten zu müssen, was man dankenswerter Weise nicht gemacht hat.
    Eine Frage: Spielst du mit der letzen Frage in deinem Kommentar (Hoffnung, dass sich die jungen Menschen durchsetzen werden im Leben) auf Casting-Shows an oder unser Schulsystem? Dabei erlangt ja auch immer nur einer eine kurze Berühmtheit während andere derweil auf der Strecke bleiben. Es geht im Film ganz klar auch um Konkurrenz und Selbstdarstellung bis hin zum Verkauf der eigenen Werte. Aber es wird doch auch sehr deutlich, meiner Meinung nach, dass genau dies nicht zum Erfolg (angenommen: Erfolg = persönliches Glück/Zufriedenheit) führt, denn die Tribute haben ja auch nach einem Sieg keine Garantie auf Frieden und Ruhe, sondern müssen aufgrund reiner Willkür wieder in die Arena.
    Für mich transportiert der Film eine positive Botschaft. Meine persönliche Hoffnung ist, dass viele junge Menschen diese Botschaft richtig verstehen (es geht nicht um Gewaltverherrlichung, wie ich schon in anderen Blogs gelesen habe) und sich nicht nur wegen des Gemetzels ins Kino locken lassen.
    Ich denke, der Film ist kein Opium fürs Volk, wenn man davon ausgeht, dass er uns zur Solidarität, Gerechtigkeit und zur Zivilcourage auffordern soll. In dem Sinne, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss (vorauseilender Gehorsam), dass man Dinge hinterfragt, statt sie einfach zu akzeptieren, dass man seinen Mitmenschen beisteht und sich nicht gemeinsam mit dem Rest der Meute (z.Bsp. Hartz4-Hetze usw., Ausländerfeindlichkeit usw.) auf diese stürzt.
    So – bevor es jetzt polemisch wird höre ich lieber auf 😉

  5. Es geht nicht um Casting-Shows oder das Schulsystem.
    Wenn allerdings diese Solidarisierungs- und Aufstandsmotiviation im Film wirkungsvoll rüberkäme, dann müsste jetzt in Deutschland ein Aufstand der Jungen gegen die Rentenpläne der beabsichtigen Großen Koalition stattfinden, die diese Jungen – und das ist kein Spiel! – ungerecht abzockt. Die Jugend müsste also zum Aufstand blasen, und zwar nicht gegen Snow, sondern gegen Merkel/Seehofer/Gabriel. Die sind gerade dabei, dieser Jugend, die jetzt in diesen Film rennt, einen Teil des Rentenanspruchs streitig zu machen. Das Kino als Ablenkungsmanöver von der Realität?

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