Mehr Bilderbuch als Film, mehr Ikonenmalerei denn laufende Bilder.
In einfachen, meist karg eingerichteten Bildern wird die Geschichte von 13jährigen Zwillingsbrüdern während des Zweiten Weltkrieges nacherzählt. Der Vater im Krieg. In der Stadt war kein Sein mehr. So bringt die Mutter die beiden Buben zu ihrer Mutter. Die Zwillinge gleichen sich wie ein Ei dem anderen, ein wunderbarer Cast, sie scheinen so wenig medienversaut oder werden zumindest als Unschulden vom Lande ausgestattet, in Szene gesetzt und fotografiert. Die Oma wohnt abgelegen auf dem Land. Die Mutter hat die Tochter 20 Jahre nicht mehr gesehen. Die Oma ist böse. Sie gilt in der Gegend als Hexe. Sie hat ihre Kinder geschlagen. Sie schlägt die beiden Buben. Die Buben schlagen sich durch. Sie wehren sich. Sie stählen sich gegen Schläge und gegen Kälte.
Es gibt viel Grausamkeit im Krieg. Aber der Vater hat seinen beiden Söhnen ein Heft gegeben und ihnen gesagt, sie sollen darin alles aufschreiben. Dieses auch titelgebende Heft scheint die Grundlage für den Film zu sein. Es sind noch wenig entwickelte, krackelige Kinderschriften mit einigen Zeichnungen ergänzt. Abends sieht man die Buben auf der Ofenbank im Heft schreiben. Kriegsereignisse: sie finden einen halberfrorenen Soldaten im Wald. Sie wollen ihm Decken und zu Essen bringen. Inzwischen ist er gestorben. Sie greifen sich Waffe und Munition, verstecken diese.
Es gibt Momente, wo es gut ist, über geheime Munition zu verfügen. Wenn die blonde Magd des Pfarrers sich über Juden, die plötzlich in großer Zahl deportiert werden, lustig macht.
„Hasenscharte“ ist ein etwas älteres Mädchen aus der Nachbarschaft, die chronisch kleptomanisch veranlagt ist. Etwas verbindet sie mit den Zwillingen. Und der Pfarrer ist auch nicht frei von menschlicher Schwäche und macht sich erpressbar. Denn Geld, das ist nicht schlecht, über welches zu verfügen.
Aber Janos Szasz, der diesen Filme gemacht hat, urteilt nicht über die Menschen. Wie ein naiver Maler nimmt er das Heft zum Vorbild, bebildert, kommentarlos und ohne zu werten. Man sieht in dasitzen und überlegen, was das Wesentliche einer jeden Einstellung sei. Dadurch erhebt er das Alltägliche, ob gut, ob böse, zu Kunst, zu sakraler Kunst. Eine Leidensgeschichte. Ganz christlich, ur-christlich.
Für uns Westler hat dieses östliche Kino immer auch etwas Mystisches, etwas Ritual- oder Liturgiehaftes. Wie ein gregorianischer Gesang. Eine traurige Geschichte in Bildern besingen. Diese Kinokunst hat etwas Stillebenhaftes. Mit sehr viel Gefühl für Ästhetik; das Traurige, Abgründige ist nie abstoßend; es ist zutiefst menschlich. Selbst der Lagerkommandeur von der SS mit der Skulptur von eiserner Halskrause liebkost an einer Stelle die Buben. Mit diesen durchkomponierten Bildern könnte man eine große Ausstellungshalle füllen. Und andachtsvoll in deren Betrachtung versinken.
Das Künstlerische an dem Projekt betont auch der Sound, oft bedeutungsvoll-künstlerisches Trommeln. Auch merkwürdig, die beiden Buben tragen fast den ganzen Film lang die weißen Hemden und die schwarzen Hosen aus der Stadt; die Hemden mit der Zeit nicht mehr ganz so weiß.