Seine Meisterschaft kann Woody Allen keiner in Abrede stellen, egal welche Geschichte er erzählt; die Einstellung ist die, als sässe er am Klavier, improvisierte eine Jazzmelodie und berichtet uns dazu, launig, gut beobachtend, lebensnah aber gleichzeitig mit listiger Distanz Geschichten, die das Leben schrieb, das Leben, das er beobachtet. Seine heutige Geschichte, fast würde ich sie vom Modus des Erzählens und des Gehaltes her in der Nähe einer Moritat lokalisieren, auch wenn es nicht blutig oder mörderisch zu und her geht, ist die von Jasmin, für die „Blue Moon“ der Inbegriff der Liebe und Treue ist, ihrer sorglos-eleganten, in Reichtum badenden Gefühlswelt. Aber Jasmin wird in Woody Allens Story arg gebeutelt, arg getestet, arg durcheinandergeschüttelt, zerpflückt, dass nur ein heulendes (fehlt nur noch das Zähneklappern) Elend übrig bleibt.
Jasmine ist mit dem „crook“ Hal verheiratet; scheint an die große Liebe und ewige Treue zu glauben. Sie wirkt aber auch total oberflächlich, ein elektrisierender Widerspruch. Sie führt, da Hal im Investmentbereich tätig ist, ein luxuriöses Leben, toll blondiert, schick, elegant, man fliegt erster Klasse, man geht teure Klamotten oder Schmuck einkaufen; Einkaufen als elementarer Lebensinhalt; man hat eine elegante Wohnung in New York und ein Landhaus am Meer im angesagten Martha’s Vineyard.
Jasmine, Cate Blanchett, ist naiv genug, lebensunerfahren genug oder auf das elegante Leben genug fixiert, so dass sie selbstverständlich nicht realisiert, dass Hal ein Halunke ist. Und zwar nicht nur in Gelddingen. Wobei sie diese reiche Gesellschaftsdame überzeugend spielt, dabei aber überhaupt keine Sympathie beim Zuschauer gewinnen kann; eher Bewunderung für das Gehabe, diesen Habitus, der keinen Widerspruch duldet, die Souveränität des Reichtums ausstellend, deren Schweben über den Dingen bei gleichzeitigem Dirigieren derselben, die erhabene Sorglosigkeit, die überdimensionierte Bedeutung, die Unwichtigem beigemessen wird.
Nun ist Woody Allen nicht der, der eine langatmige Exposition braucht. Er geht mitten hinein in die Geschichte. Fängt mit Jasmine an, wie sie in der ersten Klasse eine Flugzeuges von New York nach San Francisco mit ihrer Nachbarin plauscht und plaudert, besser, diese in Grund und Boden redet. Das ist kurz nachdem ihr Glück zerbröselt ist. Das wissen wir allerdings noch nicht.
Dieses Dame von Welt strandet nun in San Francisco in einem Quartier, das ihr definitiv nicht angemessen ist und in einer Situation, die sie auch nicht zu kennen scheint, in einer Situation nämlich, in der die Dinge nicht laufen, wie von ihr bestimmt; in der sie vor einer schäbigen Haustür steht, ohne dass jemand aufmacht. Der Taxifahrer beobachtet interessiert ihre Aufregung, als würde sie gleich ertrinken. Ein Mensch in einer neuen Situation, auf die er nicht vorbereitet ist.
Jasmine sucht Zuflucht bei ihrer Schwester, die nicht ihre leibliche Schwester ist. Es ist Ginger, gespielt von Sally Hawkins. Die Eltern dieser zwei ungleichen Schwestern, Jasmin aufgemotzt blond und großgewachsen, Ginger dunkelhaarig und bodenständig einfach, waren nicht ihre leiblichen Eltern. Jasmine ist am Ende, „dead broke“. Ginger lebt in bescheidenen Verhältnissen mit Mann und zwei rundlichen Buben. Ginger dürfte nicht vergessen haben, wie hochnäsig sich ihre Schwester bei einem Besuch in New York benommen hat. Und dass ihr Mann Hal sich vor allem für die 200’000 Dollar interessierte, die die beiden einfachen Leute in der Lotterie gewonnen hatten. Solche Dinge werden uns in Rückblenden erzählt.
Auch die Vorgeschichte von Jasmine und Hal, wie es zu dieser Flucht aus New York kam, erzählt Woody Allen in Rückblenden, während Jasmine ihren Neuanfang in Kalifornien startet. Sie muss jobben. Sie tut einem wirklich leid dabei. Wie sie bei einem aufdringlichen, kaum zu zügelnden Zahnarzt die Termine und Telefonate macht und sich offenbar von der wirtschaftlichen Situation, die sich durch ein Verhältnis mit ihm ergeben würde, nicht blenden lässt. Das passt genauso widersprüchlich zu ihrem Charakter wie das nonchalante Luxusleben zur Vorstellung unbedingter Treue. Vom Zahnarzt wird sie durch die eindeutigen Zudringlichkeiten als Sexobjekt brutal erniedrigt.
Bald aber winkt Jasmine durch die Begegnung mit Dwight, Peter Sarsgaard, eine verlockende Partie, Hochzeit inklusive Leben als Diplomatengattin in Wien. Aber vergessen wir nicht, Woody Allen hat hier nicht im Sinn gehabt, eine süß-süßliche Romantic Comedy zu erzählen. Und der Zahnarzt heißt Dr. Flicker – wobei ein Zahnarzt zum Kurieren des von Woody Allen in diesem Film beschriebenen Übels, wenn es denn ein Übel und nicht schlicht ein unglückliches Schicksal, ein komplizierter Charakter ist, garantiert nicht der Richtige wäre.
Cate Blanchett erinnert in ihrer spröden, herben, extrem dominanten Art mit der dunklen Stimme und vielleicht auch wie Woody Allen sie inszeniert, an Hollywood- Stars wie aus einer ganz anderen Zeit. Aus der Zeit der Filmgöttinnen.
Moral: schaut her, den Reichen geht es auch nicht besser. Auch Reiche können unglückliche Menschen sein resp. Charaktere sein, die nicht mit allen Ereignissen gut umgehen können; genau so wie Arme übrigens auch.