Meine kleine Familie

Wer unter kleiner Familie, eine Familie mit 500 Mitgliedern versteht, der ist entweder ironisch, liebt das Understatement oder ist etwas verwirrt. Für Paul-Julien Robert, den Macher und Selbsterkunder dieses Filmes, dürfte letzteres zutreffen.

Dieser Film zeigt, dass Familie nicht nur in ihrer herkömmlichen Weise, der Kleinfamilie, eine ideale Brutstätte für Gewalt sein kann, sondern dass das genauso für die vom Manifest her für Gewaltfreiheit plädierende Kommune des Otto Mühl galt, die 1991 geschlossen wurde. In dieser Kommune ist der Filmemacher aufgewachsen, ohne zu wissen, wer den von Männern sein leiblicher Vater ist. Er leidet bis heute unter der Irritation durch diese Art Vaterlosigkeit. Das ist zwar inzwischen geklärt und er hat ihn auch aufgesucht auf den Kanarischen Inseln, wo dieser einen ehemaligen Kommunenbetrieb als Hotel betreibt und immer noch stolz auf die Einbeckenkläranglage ist, die er vor 20 Jahren gebaut hat. Aber eine Vater-Sohn-Beziehung kann man das nicht nennen.

Die Irritation durch die Vaterlosigkeit zeigt sich im Film, der ziellos umherirrt zwischen bisher zur Veröffentlichung nicht frei gegebenem Archivmaterial aus der Kommune, denn deren Leben wurde täglich filmisch dokumentiert, Reisen und Begegnungen und Interviews mit seiner Mutter, Reisen zu Mitgliedern von dieser inzwischen über die ganze Welt verteilten „Familie“, zu „Geschwistern“, die auch sich versuchen von den Verhältnissen der Kommune zu erholen, Jean, der von Otto Mühl brutal vor der ganzen Gemeinschaft zum Singen gezwungen wurde und dem er Wasser aus der Flasche über den Kopf geschüttet hat, ein herzerweichendes, erschütterndes Dokument, zu des Filmemachers leiblichen Vater, zu lange vermeintlichen Vätern oder deren Hinterbliebenen, denn einer hatte sich umgebracht, ein besonders lebenslustiger, aber da ist der Filmemacher froh, dass der der einzige war, bis zu einem Treffen der Ehemaligen an der Stätte der Kommune Friedrichshof und einer Ausstellung.

Paul-Julien war zum Glück, wie er meint, zum Zeitpunkt der Pubertät bei seiner Mutter in Zürich (da haben sehr viele Frauen für die Kommune gearbeitet, um Geld zu verdienen); er fühlte sich dort jedenfalls total fremd und unsicher. Es blieb ihm dadurch aber die Einführung in die Sexualität und die Erlebnisse mit der viel älteren Claudia erspart. In Berlin besucht er einen etwas älteren „Bruder“, der die Einführung in die Sexualität offiziell in der Kommune erlebt hat mit der viel älteren Claudia, wo man richtig dressiert wurde für die halbe Stunde Sex und dann war man für sie nicht mehr interessant. Da leidet er heute noch drunter.

Der Wiener Aktionskünstler Otto Mühl wusste mit 42 nicht so recht weiter im Leben, wollte nicht allein sein und hatte die Idee einer WG, die sich zur Kommune entwickelt hat mit lauter lebens- und liebeshungrigen jungen Menschen, die 20 Jahre jünger waren als er, die Führung gesucht hatten und die er ihnen immer selbstherrlicher geboten hat. Bis er schließlich wegen Unzucht mit Minderjährigen angeklagt und ins Gefängnis gesteckt worden ist.

Der therapeutische Einschlag: die Aktionsanalyse.
Kommunen-Manifest von 79. Ablehnung von Gewalt. Befriedigung materieller und existenzieller Bedürfnisse. Selbstdarstellungs-Performances als Beweis für die Befreiung von der Kleinfamilie.
Mühl als Einpeitscher vor der Gruppe beim Tanzen.
Egon, der leibliche Vater, meint, die Kommune habe ihm geholfen, infantil zu bleiben.
Friedrichshof, das Gut, wo die Kommune lebte.
Einer leidet darunter, dass er das Gefühl hatte, dass es verboten war zu lieben.
Hat Probleme mit der Willensbildung.
Irgendwie gruselig, die Dokubilder.
Ein Menschenexperiment.
Doku oder Hilferuf?

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