Der fast perfekte Mann

Vielleicht wären die plakativen Drehbuchtexte ergiebig auswertbar, wenn Vanessa Jopp die Regie nicht vor der Filmkamera, sondern auf der Bühne geführt hätte mit exakt dem grobklotzigen Ensemble, das Nessie Nesslauer nach der großmauligen Grobheit des Protagonisten Benno Fürmann zusammengestellt hat, keiner darf feiner, sensibler wirken als Ulf, der geleckte Fernsehmoderator, der ein demonstrativ ausgestelltes Arschloch ist und insofern wenig leinwandergiebig.

Das Hauptproblem im Buch ist, dass diesem unsensiblen Egoisten und Egomanen Ulf von einer vollkommen unglaubwürdig-überdrehten Pomeranze von Sozialarbeiterin plötzlich der feminine Bub seiner komatösen Schwester und Vogelbeobachter gebracht wird. Thesenhaft ok. Aber hier von Besetzung, Spiel her alles nur plakativ.

Ferner wird gezeigt, was für ein Arschloch Ulf ist in einer Szene, in welcher seine aktuelle Freundin Anni gerade aus seiner Wohnung auszieht und fragt, was es denn überhaupt an Gegenständen von ihr hier gebe (schön blöd denkt man, dass sie da nie was von sich reinplatziert hat). Dann findet Ulf noch die Zahnbürste. Und rennt ihr nach mit dieser.

Auch in seiner Show, damit fängt der Film an, bricht alles zusammen, wie eine giftige Schlange im Studio ausbricht; aber das ist filmisch so pfuschig inszeniert, unglaubwürdig, mehr informativ als spielfilmhaft, ohne jede Genauigkeit, schnell, schnell, hoppla-di-hopp.

Der Film ist ungefähr so unbeholfen zusammengestrickt, wie die gelben Pullover, die die inzwischen verstorbene Mutter von Aaron hinterlassen hatte, hinten und vorne nicht passend, zu kurz, zu lang, zu eng, zu unförmig, mit wenig anschmiegsamen, grünen Mustern; und die Pullover bieten dann, da der Film es nicht bieten kann, die Lösung zur Vereinigung des Trios, welches natürlich von Anfang an zusammengehört, allerdings mangels genau analysierter Situationen und Konflikte nicht nachvollziehbar zusammenfindet. Hier wird passend gemacht, was nicht passt. Pulloverpassend, in einem Gelb, wie es die erst kürzlich zerbröselte FDP liebte. Genschergeschmeidiges Ende eines Thesenfilmes.

Männer sind Grobklötze und Arschlöcher und nur mit Biegen und Brechen und groben Keilen auf diese groben Klötze in eine Familie einzupassen. Warum nur forciert Vanessa Jopp ihre Schauspieler zu so forciertem Sprechen? Der einzig glaubwürdige Satz in dem ganzen Verhau an Szenen (auch hier nur die Logik von Thesenfolgen und nicht die von bewussten Handlungen oder Fehlern der Menschen, die die Menschen je erst menschlich machen) ist der von Jördis Triebel als Anni in der Schlussapotheose der glücklichen Familie, wie die drei gelben Pullover in einem engen Kreis zusammenstehen und die beiden Erwachsenen sich küssen, da flutscht es aus Anni ganz natürlich hinaus „nicht schauen“ zu Aaron.

Warum ist es so schwierig im deutschen Themenfilm menschliche Situationen glaubwürdig darzustellen? Weil die Autorin eine Theoretikerin, weil die Regisseurin eine Theoretikerin ist mit einem abstrakten Bild vom Mann an sich, der eine Zwiderwurz ist? Weil diesem Mann menschliche Handlungen und Überlegungen fremd scheinen, ihm seine Schönheit streitig machen könnten? Warum kommt Ulf im Studio an, geht in die Maske und ohne jede Vorbereitung in die Sendung? Oder wissen das die Autorin und die Regisseurin einfach nicht, dass ein Moderator sich für eine Sendung vorbereiten muss?

Regisseurin und Autorin scheinen kein Interesse an den Figuren und ihren konkreten Situationen zu haben, sondern nur an ihren abstraktenThesen zum Thema Mann, der zum Familienmann umgemodelt werden muss, und wenn das nur über gelbe, misslungene Strickpullover passiert. Daher hört sich das Drehbuch oft so vernünftelnd an, weil es die Thesen der Macherinnen äußert und nicht aus der Beobachtung handelnder Menschen hervorgeht. Man vergleiche dazu gerne, „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdelatif Kechiche, dem diesejährigen Cannes-Gewinner – das ist Können und nicht billiges Thesenverbraten.

Hier ist Kino nur grobklotzige Wandmalerei von Thesen stylish aufgemotzt und mit unerträglichem Sound unterlegt. Und wie hackelig das Thema des Sterbens durch Abstellen der Maschinen behandelt wird. Man kommt sich so belehrt vor in so einem Kino, das ewig nicht aufhören will. Das mit seinen 93 Minuten um Stunden länger zu dauern scheint als der Dreistundenfilm von Kechiche. Bei diesem geht es um die Liebe. Worum geht es bei Ainscough/Jopp? Um ein abstraktes Männerwunsch- und Männerhassbild? Was so nicht darzustellen ist.

Ein reduziertes Verständnis von Menschen, Männern und Kino, was hier ätzend und undifferenziert vorgeführt wird, ohne Genuss, ohne Humor, ohne Raffinesse, ohne tiefere Einsichten, ohne Charme, ohne Hintergründigkeit, ohne jede Herzlichkeit, ohne Pfiff.

Kino großräumig missverstanden als feie Thesenfläche für weibliche Frustanalyse über Männer? Vanessa Jopp scheint die Männer nicht zu lieben, sie scheint es überhaupt nicht mit den Menschen zu haben.

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