Ein atemloses 75-Minuten-Doku-Kinostück immer am Rande des realen Horrors, der Realsatire. Eine Nachtschicht mit der einzigen Reanimations-Ambulanz in Sofia, Bulgarien. Ein Drei-Personenstück, hoch konzentriert auf den Fahrer der Ambulanz, Plamen, den Arzt, Dr. Yordanov, genannt Krassi und die Assistentin oder Krankenschwester Mila. Von den Patienten sieht man so gut wie nichts, da muss die Vorstellung des Zuschauers mitarbeiten.

Ilian Metev, der Macher dieses Filmes, der für Buch, Regie, Kamera und Schnitt steht, bleibt fast nur auf den Gesichtern der drei, auf denen die Augenringe bis zum Ende der Schicht, wenn die Ambulanz sich im morgendlichen Berufsverkehr auf den Heimweg macht, immer größer und dunkler werden. Vor lauter Übermüdung kommt es irgendwann in der Nacht zu einer Karambolage und der Patient ist inzwischen bereits tot; aber seine Frau hatte die Sanität ja schon 5 Stunden früher angerufen.

Die Funkzentrale des Rettungsdienstes ist über längere Zeiträume nicht erreichbar oder es nimmt niemand ab. Einmal kommt die Mitteilung dass zwei Krankenhäuser keine Patienten mehr aufnehmen können, die Kapazitätsgrenzen sind überschritten.

Zwischendrin gibt es Wartesituationen. Da wird viel geraucht. Es wird über Kollegen geredet, über die Situation am Arbeitsplatz, dass das ganze Team allmählich weglaufe. Am Tiefpunkt, am toten Punkt der Nacht wird geäußert, dass das alles nicht mehr menschlich sei.

Mila telefoniert einmal mit ihrem Töchterchen. Oder die drei sitzen nur da und beobachten eine Frau, wie sie sich bewegt, machen ihre Kommentare dazu; oder wie sie an Villen vorbeifahren, wird über hohe Einkommen, die dafür nötig sind, gemutmaßt.

Die Grenze zur Satire, zur Komödie wird beinah überschritten in der Szene, in der ein Patient mit einem gebrochenen Bein mitgenommen wird; immer will er sich aufsetzen, weil ihm das Bein weh tue, aber dann kann Mila die Schiene nicht anlegen, was eh schon schwierig genug ist, da der Wagen holpert wie bei einem Erdbeben und ihr die Schiene ständig aus der Hand zu fliegen droht.

In einem verlassenen Vorort von Sofia kommen sie viel zu spät an. Die Patientin ist im halben Kopf schon vorn Würmern zerfressen. Pech für die Polizisten, die gehofft hatten, wenn die Sanität eintreffe, dann könnten sie nach Hause gehen. Jetzt müssen sie bleiben und die Sanität kann Leine ziehen.

Unser Trio spekuliert gerne auf dem Weg zu einem Einsatz, worum es sich diesmal handeln dürfte. Mila wird recht behalten, mit der Behauptung, es werde sich um eine Hirnblutung handeln. Sie hätte also noch andere Talente, als nur die hier benötigten, dazu wäre ein Glaskugel hilfreich.

Das Bild von der Gesundheitsversorgung in Bulgarien, was durch diesen Film gezeichnet wird, ist katastrophal. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Nichts funktioniert oder alles nur so hoppla-di-hopp. Der Eindruck dieser Katastrophe wird für den Zuschauer noch verstärkt dadurch, dass das alles und einzig und allein über die Texte und die Gesichter der drei Protagonisten erzählt wird und überhaupt nicht anklagend, anprangernd, denn die Menschen buddeln sich zurecht, mit dem was sie haben und zu tun haben. Da kann es eine Riesenaktion sein, die richtige Adresse, zu der sie beordert werden, ausfindig zu machen.

Gesprächsthemen der drei während ihrer Schicht sind: die Sonderschichten, Überziehungskredite, Traumhaus, Kaffeekarte auf Kaffeeautomaten vergessen, eine Frotzelei über Akupunktur und Kanülen, der Kollege, der gekündigt hat, die Truppe, die auseinanderbricht, Serienmörder und Reiche und wie die Nase weh tut, wenn Krassi zudrückt.

Versuche, wieder Kontakt zur Zentrale aufzunehmen. Seit einer halben Stunde Warteschleife, armes Land. Und als kleiner Energieschub schütteln sich die drei an einer Stelle Äpfel vom Baum. Oder sie machen einen Ansatz, ein Lied zu singen Schneeglöckchen und Mädchen.

Einmal braust Plamen der Fahrer so durch Sofia und mit Horn, dass Mila Angst und Bange wird, sie nur noch mit schreckensaufgerissenen Augen starrt, sich mit beiden Händen festhält und sich zurücklegt, als wolle sie der Gefahr ausweichen.

Die Fahrt als Patient in so einem Krankenwagen kann zur größeren Tortur werden, als der Schmerz der Verletzung.

Endlich Funkkontakt. Niemand macht auf. Was für eine Diagnose? Völlig gestörte Kommunikation.
200 Einsätze pro Schicht…
Ich hab nicht mal mehr Lust zu rauchen.
Fix und fertig und es rüttelt das Auto, man spürt das physisch.
Die Ringe unter den Augen werden stärker

Bewusstloser Mann in Badezimmer,
Notruf um 18.55
…. und passt auf, dass ihr nicht verprügelt werden…

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