Sein letztes Rennen

Ein Lob auf den Willen, der in einem olympischen Triumph ertränkt wird, das olympische Zeichen des Berliner Stadions dick und deutungsvoll aufgetragen, entsprechend Licht und Musik, ein Versuch, emotional an eine Kinotradition anzuknüpfen, die durch den hässlichen braunen Boden, auf dem sie wuchs, verfemt und diskreditiert ist? Lässt hier Leni Riefenstahl grüßen? Nicht so ganz. Denn dieser Film ist auch eine Bemühung im Sinne des modischen und gerne geförderten Genres des Altenheim-Films. Didi Hallervorden spielt den Marathonläufer Paul Averhoff, der ins Altenheim soll und der 1958 in Sydney olympisches Gold geholt habe, das war 23 Jahre nach Riefenstahls Triumph des Willens.

Über 50 Jahre später und selber bereits über 70 will Paul es nochmal wissen. Er will den Berlin-Marathon gewinnen. Die Motivation ist allerdings nicht so richtig klar und für den Nicht-Sportler ist es doch eher rätselhaft, was der Reiz sein soll, in so hohem Alter dem Körper nochmal alles abverlangen zu wollen – wo doch eh der Tod nicht mehr weit sein kann.

Didi Hallervordens Leistung ist auf jeden Fall imponierend zu nennen; zumindest schafft der Film von Kilian Riedhof, der mit Marc Blöbaum auch das Buch geschrieben hat – es so darzustellen.

Der Zuschauer wird beim ersten Schluss, dem Berlin-Marathon, in eine umfassende Kino-Emotions-Tunke aus Licht und Ton und Rhythmus getaucht, Triumph des Willens, wenn also der letzte Eindruck eines Filmes zählt. Wenn der erste Eindruck zählt, so wird es ein bemüht deutsches „Ist das Essen fertig?“-Movie (Eröffnungssatz, wie Didi mit seiner Frau noch in der eigenen Wohnung lebt). Und irgendwo in der Spanne zwischen diesen beiden Eindrücken spielt sich Didis Altersschicksal ab – über breite Strecken ein normaler deutschen Themenfilm, hier Thema Altenheim angereichert mit Trainingseinheiten von Paul.
Und ein Singfilm dazu von „Hejo, spann den Wagen an“, über „So nimm denn meine Hände“ bis „Vom Aufgang der Sonne“, junge Filmemacher distanzlos angefressen von altem Liedgut.

Im Gottesdienst wird die letzte Station Altenheim thematisiert. Es gibt eine Lehrstunde über den Tod mit der Pfarrerin. Altershilfefilm.

Gymnastik von Didi im Kirchenraum – was soll daran komisch sein. Alte in deutschen Themenfilmen sind in Altenheimen immer unmündig Behandelte.
Die gackernden Hühnergruppe der Alten; nicht nach der Realität, overacted, soll lustig sein. Zum Beispiel auch die fast gleichgeschalteten und viel zu übertriebenen Bewunderungsreaktionen beim Wettlauf von Paul und Tobias im Garten. Netter Einfall: der einsetzende Regen just im Moment, wo Paul gewinnen wird.

Altengarten statt Kindergarten. Bei genauem Hinschauen, kann man sich schwer vorstellen, dass die ein Leben in Würde und Wichtigkeit hatten.
Die Schauspielerei (das reicht von Frederick Lau als Tobias bis Heike Makatsch als Tochter Birgit) wirkt als ad-hoc-Schauspielerei: zum Behufe dieser Unterhaltung, dieses Unterhaltungsfilmes, dieses Themenfilms aus der Modegattung der Altenheim-Exploitation-Movies.

Der Zuschauer fühlt sich auf der Belehrbank: Altenheim doziert und nicht recherchiert, nicht auf Grund von Beobachtung, sondern auf Grund theoretischer „Einsicht“ die hocken ja hier und warten auf den Tod. Das ist die Lektion, die uns Riedhof mit seinem Buch und seiner Inszenierung vermittelt. „jetzt hören Sie zu, ich bin auch gleich an der anaeroben Schwelle“. Auf der Belehrbank von ARD und Degeto und einbalsamiert bis zur Bewusstlosigkeit mit fetter Musikcème.
Vielleicht soll der Zuschauer selbst das Ohnmachts-Altenheim-Gefühl vermittelt bekommen von dieser öffentlich-rechtlichen Themenphilosophie.

Kinematographisch wird auf die Kunst der Beiläufigkeit verzichtet.
Merkwürdige Predigt des Insassen, der bestimmt ein Synchronsprecher war.
Filminterne Referenz: das Plakat von der fabelhaften Welt der Amélie: davon ist hier im Film nichts zu spüren: seine Referenzen müssten eher routinierte, knallige, amerikanische Komödien sein, „Wir sind die Millers“ beispielsweise – aber dazu fehlt es hier am Drehbuch-, Regie- und auch Darstellerhandwerk.

Ein Marathonläufer gibt nie auf.

Die alten Schauspieler spielen voller Laune das, was sie sich unter alten Leuten vorstellen (Tendenz: theatral – wir warten auf den ersten deutschen Altenheimfilm, wo das mal nicht so kindisch gehandhabt wird).

Zwischen Klamotte (wenn die ganze Altersheimriege als Zuschauer aus dem Heim abhaut, um dem Marathon beizuwohnen), kritisch (Didis Bemerkungen bei den Basteleien für das Herbstfest), „liederlich“ („Hejo, spann den Wagen an“; „so nimm den meine Hände“) und aufgestellter Komödiantenschar. Ferner international, Tochter Birgit ist als Flugbegleiterin ständig unterwegs.

Der Film orientiert sich am amerikanischen Traumrezept von Kino als dick aufgetragenem Gefühl, allerdings vermengt mit deutschem Studienratskino, mit deutschem TV-Themenkino.

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