Prisoners

Dieser Film wirft in der Art einer Vivisektion einen Blick unter die makellos geordnete Oberfläche eines Provinzkaffes in Pennsylvania aus Anlass der Entführung zweier Mädchen in einem Ort, an dem nie die Sonne scheint, an dem der Himmel immer bedeckt ist oder es gar heftig regnet, schneit oder Nacht ist.

Die Besetzung der Protagonistenrolle dürfte kein Zufall sein. Hugh Jackman spielt diesen biederen Handwerker Keller Dover, der mit seiner Frau ein kleines Mädchen und einem pubertierenden Sohn hat. Jackman sieht hier nicht viel anders aus als Woverine, dieses Untier, das er neulich gespielt hat, wobei er seine Muskelspiele vornehm zurückhält und unter Kleidung versteckt. Aber die Assoziation Wolverine kann andeuten, in welche Dimension der Film vorstoßen will, obwohl hier gar nichts Übersinnliches, gar keine übersinnlichen Kräfte im Spiel sind, das ist das Horrible an dieser Geschichte, die Aaron Guzikowski geschrieben und Denis Villeneuve inszeniert hat.

Es ist jener Zivilisationsbruch, der unter dem Etikett der spießigen Bürgerlichkeit an einem protoypischen amerikanischen Ort nur leicht verdeckt wird und hier Schnitt für Schnitt hervorseziert wird und zutage tritt und einen schaudern lässt. Denn Keller ist beileibe nicht die einzige Figur, die einen Abgrund von Negation der Zivilisation unter ihrer bürgerlichen Form verdeckt.

Der Film fängt ruhig an. Ganz ohne Musik. Fast besinnlich. Ein verschneiter Wald. Zwei Jäger auf der Lauer. Ein Rotwild was hinter Baumstämmen eine gerade Linie marschiert, bis es ruhig im Schnee stehen bleibt, weil ihm dort etwas zu äsen zubereitet worden ist, frisches Gras vielleicht. Ein Schuss, das Tier kracht zusammen. Ja, es geht hier um das Töten, um die Bereitschaft zu töten. Es geht um einen Einblick ins amerikanisches Seelenleben, der vielleicht erklären kann, wieso dieses Land so viele unsinnige Kriege begonnen und erfolglos geführt hat und wo Schießen und Kriegen offenbar so wichtig sind wie das Beten.

An Thanksgiving geht unsere Familie Dover mit den Kindern zu einer benachbarten, befreundeten Familie, die auch zwei Kinder hat. Nichts kann diese amerikanische Provinzidylle trüben. Man albert rum. Man flachst. Der Gastgeber will die Trompete spielen und auch seinen Gast zum Musizieren auffordern. Und just im richtigen Moment, an dem keiner an was Böses denkt, setzt der Szenenschnitt ein; was er überhaupt im Film immer an prägnanten Stellen tut, wo der Zuschauer sich den Rest denken kann, ein Mittel, das dieser Film gerne und immer wieder und zu seinem Vorteil (dass er nichts überflüssiges erzählt) prima einsetzt.

Mitten in der schönsten Thanksgiving-Party springt die Kamera vor das Gebäude, schaut es von außen an, der Innenton verstummt, es ist überhaupt sehr ruhig in diesem langsamen Zoom auf das Gebäude zu. Das ist der Moment, wo die beiden Mädchen verschwinden. Der Moment der Unachtsamkeit der feiernden Familien. Vorher ist kurz ein Wohnmobil aufgefallen, an dem eines der Mädchen hochklettern wollte und aus dem Musik zu vernehmen war. Aber niemand hat dem weiter Beachtung geschenkt. Und dann sind sie weg. Das wird alles sehr zügig inszeniert.

Die Suche beginnt. Stärker regnen kann es nicht. Bald schon gibt es einen ersten Verdächtigen, den Besitzer des Wohnmobils, Elliot. Aber da der geistig zurückgeblieben ist, immerhin kann er offenbar Auto fahren, kann der Antagonist in diesem Thriller, das ist der Kriminalbeamte Loki gespielt von Jake Gyllenhaal, Elliot nicht in Haft behalten. Außerdem sind im Wohnmobil nicht die geringsten Spuren von den Mädchen zu finden. Dass Keller jetzt zu massiv überproportionierten Selbstjustizmitteln greift, so viel darf hier sicher verraten werden. Ferner auch, dass der Polizist sozusagen die saubere, sichere, bürgerliche Oberfläche des Provinzortes aufrecht erhält. Er ist meist nett. Er tut seinen Dienst. Er sitzt vor seinem Computer, recherchiert, macht die biedere Polizeiarbeit, die normalerweise Morde, Entführungen und andere Verbrechen durch ihre Systematik aufklärt.

Was dieser Film unter der Ordentlichkeit und Spießigkeit amerikanischer Provinzidylle findet, am Rande dieses Abgrundes sollte man sich besser festhalten. Dieser wirkt vermutlich deshalb so bedrohlich, weil die Machart des Filmes so behutsam, so ruhig hinschauend ist. Außerdem ist man christlich. Die wahren Heros aber, das sind die braven Kriminalbeamten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.