Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

Einer der Filme, nach deren Besuch man das Kino mit geschärftem Auge für das Wesentliche und das Wirkliche verlässt, weil Edgar Reitz, der mit Gert Heidenreich auch das Drehbuch geschrieben hat, beharrlich an seinem Thema, der Heimat und der damit verbundenen Sehnsucht, dranbleibt; dazu braucht es diese vier Stunden Film, vier Stunden physischer Anwesenheit des Zuschauers im Kinosaal.

Man sucht nach Verlassen des Kinos wie Jakob, die Hauptfigur in diesem Film, in seinem Dorf im Hunsrück in der ersten Hälfte des vorvorigen Jahrhunderts gierig nach kleinen Stückchen von Geist und Fantasie und Traum, man sucht diese Stücke nun allerdings nicht in einem Bauerndorf, man sucht sie in der belebten Stadt des aufgehenden 3. Jahrtausends und sucht und sucht. Und findet Handys und Internet und Autos und Shopping-Hektik und Lärm und Gehupe. Und giert doch nach Buchstaben, nach Wörtern, nach Inhalten. Sie müssen nicht unbedingt amazonasindianisch sein, wie Jakob sie aus Büchern hat, und mit welchen Worten er es versteht, noch jede Anbahnung eines Liebesverhältnisses zu einer Frau zu killen und gleichzeitig Bewunderung zu ernten dafür.

Jakob ist einer der beiden Söhne des Dorfschmiedes Simon. Er hat noch einen Bruder und eine Schwester. Dass er liest, wird ihm vom Vater übel genommen, am liebsten würde er es ihm austreiben. Das geht aber nicht bei einem Geistmenschen. Bruder Gustav ist der geerdetere, ein Stück weit, er arbeitet am Nachbau einer Dampfmaschine. Die ist ihm wichtiger als seine Hochzeit und seine Frau. Er ist der lebenspraktischere auch insofern, als er es schafft, sich für die Ausreise nach Brasilien zu entscheiden, diese in die Wege zu leiten und auch anzutreten mit seiner Frau, denn die Armut am Hunsrück ist groß, wir schreiben die frühen 40er des 19. Jahrhunderts.

Der Hunsrück war Auswandererland damals, er konnte seine Einwohner nicht ernähren. Ständig sieht man Trecks mit Pferdewagen, vollbepackt mit den Habseligkeiten der Emigranten. Das ist vielleicht das einzig Merkwürdige am Film, dass trotz aller Auswanderer, das Dorf immer voll bleibt. Heute ist Deutschland ein Sehnsuchtsland für Immigranten von überall auf der Welt.

Der intellektuelle Jakob schafft weder Heirat noch Auswanderung; er verschanzt sich am liebsten hinter seinen Büchern, saugt die Texte begierig in sich hinein, macht eine Wissenschaft aus seinem Wissen über die Eingeborenen in Lateinamerika, korrespondiert mit Alexander von Humboldt, der eine Reise zwischen Berlin und Paris dazu benutzt, einen Umweg über den Hunsrück zu machen, um diesen Jakob Simon kennen zu lernen; der aber büxst aus vor der ehrenhaften Begegnung.

Edgar Reitz hat Werner Herzog, der gut angezogen aus einer stattlichen Kutsche steigen wird, mit der Rolle dieses berühmten deutschen Gelehrten betraut, auch eine würdige filmische Referenz innerhalb des deutschen Kinos – bemerkenswert dabei: dass er keinen der üblichen verdächtigen deutschen Subventionsstars engagiert hat, das dürfte kein Zufall sein – bei den anderen Rollen ist das genau so wohltuend, aber da hat der Dialekt der Besetzung enge Grenzen gesetzt oder es ist gründlich daran gearbeitet worden und hat diesen kostbaren Film vor entwertender Subventionsschauspielerei bewahrt.

Vielleicht das aufregendste, das brisanteste Bild zum Thema des Filmes dürfte dies sein: bei einer Floßfahrt mit Burschenschaftlern auf der Mosel fährt (hier benutzt Reitz übrigens in seinem in Schwarz-Weiß projizierten Film die Technik, einen Gegenstand in Farbe hervorzuheben, verehrter Eisenstein, so baumelt hier eine Schwarz-Rot-Gold-Fahne an einem Mast vom Floß) singen die Studenten revolutionäre Freiheitslieder, inspiriert von der französischen Revolution. Am Ufer erscheint gespenstisch ein Trupp berittener Soldaten mit Fackeln. Sie beschießen die Burschen. Alle gehen am gegenüberliegenden Ufer in Deckung. Einzig Jakob bleibt vollkommen ungerührt mit einem Buch in der Hand sitzen. Der Geist, der Geist. Jakob bekommt einen Streifschuss ab.

Das revolutionäre Element, was immer aus dem Geist erwächst, wird Jakob später zum Verhängnis beim jährlichen Fest im Dorf, wo die Burschen und Mädels aus allen umliegenden Kantonen nach Schabbach kommen; der Baron hat den Weinausschank verboten, weil er ein Monopol darauf beansprucht. Das setzt revolutionäre Gesänge. Die Soldaten greifen ein. Ein Freund von Jakob ruft ständig „Liberté“ und wird gefangen genommen. Jakob geht ihm nach und landet auch im Gefängnis. Dort entwickelt sich zu Franz Olm eine Freundschaft zwischen zwei geistverwandten Menschen.

Die Chronik erzählt ausführlich um die Hauptpersonen herum vom Leben im Dorf: Pferde beschlagen, Kartoffeln pflanzen, Wein ernten, die Arbeit am Webstuhl in einer Lichtorgie aus Staubteilchen, die Werber für die Auswanderung mit den schönsten Versprechen des Kaisers von Brasilien, der auch freie Überfahrt garantiert und viele Hektar Land und ein Geld für den Anfang, Abschiede von den Auswanderern, der Tod, Heirat und Geburt, die Kirche und auch das Feiern kommen nicht zu kurz. Manchmal auch unrealistische Lichtspielereien, die ein bildliches Echo auf Hoffnung und Geist sind, hell und dunkel, Schlaglicht und Schwarz, die Schimmel, die in einer Staubwolke hinter dem Vorleser Jakob durchs Bild stürmen, als ob sie seiner Vorlesung entsprängen; Symbolismen wie Terence Malick, dieser allerdings viel exzessiver, sie gerne einsetzt.

Anfang des Filmes 8. April 1842. Hier fängt Jakob seine Aufzeichnungen an, die als chronologischer Leitfaden für die Geschichte dienen, für diese Recherche nach der Sehnsucht, nach dem identitätsstiftenden Begriff der Heimat. Bis etwa 1844.

Auch mit der Musik hat Reitz recht abstrakt, recht eigenlebig gearbeitet, so dass der Film auf jene kunstvolle Ebene gehoben wird, die zwar bannt, aber dem Betrachter genügend Raum für geistige Aktivität lässt und vor allem heimattümelnden Realismus bewahrt.
Weitere Figuren im Dorf: Fürchtegott, der seit 12 Jahren kein Wort mehr redet und das Mädchen mit dem Klumpfuß.

Mit Jan-Dieter Schneider hat Reitz eine ideale Besetzung für die Rolle des hunsrückplattsprechenden Jakob Simon gefunden, der diese geistige Sehnsucht nach Wissen und Heimat in seinem Spiel mit Anmut rüberbringt.

„Alles hat seine Zeit“, heißt es an einer Stelle und an einer weiteren „etwas Besseres als den Tod findet man überall“, aber der Satz, der die beiden relativiert und der von Jakob stammt, lautet: „man lebt nicht nur einmal“. Die kleine Differenz zum Alltagsgeplapper und zur Alltagseindimensionalität.

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