Kinderparadies, Polizeiruf (TV ARD BR)

Andachtsvoller Sonntagabendgottesdienst: Gemeindediakon Matthias Brandt und sein Organist und Kirchenmusiker Leander Haußmann mit Band gestalten mit viel Klampfengezupfe und Chorgesang einen feierlichen Gemeindeabend zur Thematik moderner Kindergartenpädagogik vor der Folie bissiger Kinder und gewaltbereiter Eltern im Kirchsprengel mit der öffentlich-rechtlich-relevanten Forderung: Freiheit und kein Maulkorb für Kinder. Ihrer wird in dieser Feierlichkeit gedacht. Da das Böse im Gottesdienst nicht allzu böse erscheinen soll, wird viel Zeit gefüllt mit süßen Bildern vom Gemeindediakon im Gespräch mit oder auf der Suche nach der kleinen Lara und dem pinken Teddybären. Zum Schluss nimmt der Diakon den bösen Tatmenschen als Opfer rührend-bekümmert in den Arm, „Sie sind ein guter Mensch“ sagt er. Seelsorge-Auftrag erfüllt, Sonntagabend gerettet. Jetzt noch den Maler Raphael dazu geholt für das Bild von der heiligen Familie, das könnte anschließend an die Gläubigen verteilt werden. Redaktion BR: Cornelia Ackers.

Der hier im ersten Abschnitt apostrophierte Diakon ist natürlich kein Diakon, sondern ein regelrechter öffentlich-rechtlicher TV-Ermittler und die kirchliche Beschreibung eine reine Interpretation der Message dieses ARD-BR-Sonntagabend-Krimis, dieses Polizeirufes „Kinderparadies“, der übrigens in einer dem Regisseur Leander Haußmann angemessen eleganten Filmsprache und -ausstattung würdig jeder Hochglanzzeitschrift und mit munterer Spielfreude seiner Darsteller dargeboten wird, was mir alles viel mehr Ausdruck der Bemühung um Originalität denn Ausdruck der Bemühung, eine Geschichte spannend und zwingend zu erzählen, scheint.

Die „Was is’n hier los?“-Frage, Indiz für nicht allzu gründliche Drehbucharbeit, gleich zweimal in der ersten Phase des Filmes. Für das Drehbuch zeichnen Daniel Nocke und Leander Haußmann, der als Regisseur seine Schauspieler unabhängig von der Drehbuchsituation möglichst emotional aufspielen lässt, gerne tränenreiche Bekenntnisse von Gemeindemitgliedern und gerne auch im Modus des Schnellsprech, den der Kommissar vorgibt. Sie drehen prächtig auf, als gehe es darum zu zeigen, wie prima sie das können, wie emotional deutsche Fernsehschauspieler sein können, vielleicht auch um die Dürftigkeit der Geschichte zu überspielen, denn leider haben die Figuren keine Geschichte. Vielleicht dient dieser Schauspieleffort aber auch dazu, ein möglicherweise etwas abgestandenes Genre aufzumotzen, von der inneren Leere abzulenken.

Es geht um einen Todesfall. Eine Frau ist überfahren worden. Dem ging ein Streit mit einem Mann voraus. Die Szene des aufzuklärenden Verbrechens selbst wird in Abständen mit häppchenweisen Ergänzungen immer wieder eingespielt. Ein Babyphon am Tatort führt den Kommissar wie von Gottes Hand gelenkt zum Haus mit dem Baby und dort zu diesem und damit zur Kindergartenproblematik. Nachdem der Kommissar das Babyphon sorgfältig auf einem zu vermutenden Regal abgelegt hat, nimmt er das Baby in den Arm und fängt an zu singen „Heile Heile…“ und die Spurensicherung singt mit.

Eigentümlichkeiten: Kommissar telefoniert mit in Plastik eingepacktem Asservaten-Handy. Unbekannt wirft roten Ballon ins Bild, wenn der Kommissar mit dem Vater spricht.

Genre: Patchwork-Movie; wirkt wie ein bunter Wandbehang, den eine Kindergärtnerin aus verschiedenen Sujets aus dem Leben der Kleinen gebastelt hat; auch der schwarze Mann fehlt nicht oder die Kindergärtnerin, die alle Bälle aus einem Plastikbehältnis fallen lässt und dann selbst umkippt, denn sie verträgt Soja-Milch nicht; der Kommissar, der draußen mit der Chinesin chinesisch tanzt; diese wiederum hat Angst vor der Polizeimarke oder der Gag im Supermarkt mit der verzögert einstürzenden Konservendosenpyramide – dem Kommissar steht die genervte Ungeduld, ob das im verabredeten Timing passiert, ins Gesicht geschrieben; und immer wieder der Kommissar mit dem Kleinkind und dem Teddy oder es wird als Joke die Verwechslung von Gerichtsmedizin und Gesichtsmedizin an den Wandbehang wie ein Merkzettel angeheftet oder auffallender Schick und Ähnlichkeit von blutenden Stirnwunden; und viele, viele Luftballons; diese vielen, netten, oft geschmackvollen Bilder scheinen die Kamera auf der Suche nach der Geschichte allerdings ziemlich zu irritieren, so dass sie ständig in nervöser Bewegung ist.

Wobei das soziale Thema moderne Kindergartenpädagogik nur in wenigen Stichpunkten anlässlich der Elternversammlung erwähnt wir, denn auch hier wird lieber gesungen als den Dingen auf den Grund gegangen. Wäre ja sonst vielleicht ein interessanter Kontrapunkt zum Thema Waldorfpädagogik, die der BR in einer spannenden Langzeitdoku von Maria Knilli behandelt, der zweite Teil „Eine Brücke in die Welt“ hat der BR vor etwa 10 Tagen gezeigt. Aber vielleicht ging es doch mehr um die Gewalt von Eltern, die einen so modernen Kindergarten betreiben, der sogar Shakespeare als Puppentheater im Lehrstoff hat.

Substanzgehalt im Sinne des öffentlichen Rundfunkauftrages: die Info, dass es bissige Kinder gibt, dass es Eltern gibt, die sich um eine moderne Pädagogik bemühen und dass es öffentlich-rechtliche Fernsehkommissare gibt, die vom Seelsorge-Kümmerer-Duktus übermannt werden und sich von Kindern und Teddybären von ihrem Job abhalten lassen und vielleicht noch, dass es Leute gibt, die Krimi mit atemloser Lifestyle-Präsentation und Gesinge und Gitarrengeklimpere verwechseln. Oder ist die bewusste Hauptthese des Filmes doch eher die, dass gewalttätige Menschen dazu neigen, freie Kindergärten aufzubauen und zu betreiben und dass sie trotzdem gute Menschen sind? Wäre doch etwas dünn hinsichtlich eines öffentlichen-rechtlichen Auftrages.

Nach einer Stunde wird der Tathergang aufgelöst.
Jetzt checkt’s auch der Kommissar, sagt „Scheiße“ und muss Joachim suchen, „ich nehm die Verhaftung selber vor, er ist zwar ein armes Würstchen aber auch ein netter Kerl“.

Pastorale Abschlussworte des Kommissars: „Man muss sich daran gewöhnen, die Trauer ist wie eine zugelaufene Katze…“ – im Hintergrund die bayerische Staatsoper.

Der Kommissar/Diakon mit der pedantischen Schnellsprechmanie, mit der er uns weismachen möchte, dass er eine schnelle Auffassungs- gleich Formulierungsgabe habe. Aber das süffisante Lächeln ab und an erzählt uns auch von einem tiefen Zwiespalt, es erzählt, dass solches Talent als Fernsehkommissar eigentlich vergeudet sei; und in der Tat würde er mit seiner Schnellauffassungs-, Schnellformulierungs- und Schnellsprechgabe als Anwalt bestimmt wirtschaftlich deutlich besser dastehen denn als Rundfunkkommissar in öffentlichem Auftrag.

Und wenn den Hauptdarsteller zu viele Aufzählungsdetails im Text nerven, so greift er zum laienhaft-dilettantischen „Pipao“: „..Kulturbeutel, pipapo“. Oder war es wirklich das Drehbuch?

2 Gedanken zu „Kinderparadies, Polizeiruf (TV ARD BR)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert