Falls die mehr als 1,25 Millionen Käufer des gleichnamigen Bestsellers von Katharina Hagena, der zwei Jahre auf der Spiegel-Bestsellerliste gestanden habe und in 25 Sprachen übersetzt worden sei, diesen Film allein in Deutschland im Kino anschauen, dann dürfte das Kalkül der Produzentin Uschi Reich aufgegangen sein. Darüber zu spekulieren ist für mich allerdings müssig, da ich den Roman nicht kenne und mich also lediglich darauf beschränken muss, zu beschreiben, was ich im Kino gesehen habe, was Rochus Hahn und Uschi Reich an filmdramaturgischem Wissen und Können eingesetzt haben, um das Buch zu einem Drehbuch fürs Kino umzuformen und was Vivian Naefe als Regisseurin damit angefangen hat.
Es ist, hm, um es freundlich auszudrücken, etwas verwirrend. Verwirrend sei allerdings auch schon der Roman, ist zu lesen, der ständig zwischen drei Generationsebenen (aus der Zeit der Reichsmark über die D-Mark bis zur Eurozeit 2012) hin und her hupft, so wild, wie sonst nur wilde Hühner es tun würden, aber es handelt sich hier nicht um ein Franchise-Produkt jener erfolgreichen Kinderfilmserie aus demselben Produzenten- und Regiestall.
Es handelt sich ferner um einen Frauenfilm von Frauen mit Frauen über Frauen für Frauen; das aber tut kinotechnisch gesehen nichts zur Sache. Das größere Problem, und dass ein solches Bewusstsein bei den Filmemachern vorhanden ist, davon darf ausgegangen werden, dass prinzipiell Filme, in denen eine Figur in drei Lebensaltern vorkommt und von drei verschiedenen Darstellern gemimt wird, ein Risiko sind, das einen besonderen Einsatz von Drehbuchbearbeitung, Casting, Regie und Styling erfordert. Wobei es sich hier gleich um mehrere Figuren handelt, die in mehreren Lebensaltern vorkommen und nicht genug damit, eine erkennbare dramaturgische Idee, wie das filmtauglich gebündelt werden könnte, scheinen Uschi Reich und Rochus Hahn nicht gehabt zu haben; ihre dramaturgische Fleißarbeit scheint sich in einer Art Simultan- oder quasi Wort-für-Wort oder Seite-um-Seite-Umschreibung des Romans erschöpft zu haben, einer doch recht, hm, bescheidenen Auffassung von Kino, wie mir scheinen will – was trotzdem massiv gefördert wurde staatlicherseits. Vielleicht mag der Staat ja ein nicht allzu waches Kino, ein Kino reinen Fleißes.
Das heißt, auf die spezifische Wahrnehmung des Kinozuschauers, der nicht mitten in der Vorführung wie in einem Buch zurückblättern kann, scheint keine Rücksicht genommen worden zu sein. Nicht besser scheint es um die Castingabteilung bestellt gewesen zu sein. Der eklatanteste Fehler dürfte die Besetzung der jungen Iris, die irgendwann aus einem Voice-Over-Text zu schließen, als die Hauptfigur erscheint (Hannah Herzsprung agiert pflichtschuldigst als Erfüllungsgehilfin von Regieanweisungen; wobei es sicher nichts Schwierigeres für eine Schauspielerin gibt, als in eine Vergangenheit hineinzuschauen, die gleich als Film mit anderen Darstellern reingeschnitten wird, das kann auf sie nur befremdlich wirken; noch dazu das katastrophale Manko für die Darstellerin, dass die Drehbuchbearbeiter sich offenbar überhaupt nicht um den Grundkonflikt der Figur interessiert haben) und die jüngere Figur, die von den jungen Frauen die meiste Ähnlichkeit mit ihr hat, die schwarzhaarige Inga figuriert als eine andere Rolle.
Verwirrung aber auch durch die schnelle Exposition in ständig wechselnden Zeitebenen und mit den eben nicht sorgfältig genug ausgesuchten Darstellern in Bezug auf Ähnlichkeit. Ist das schon schlimm genug, so kommt es noch schlimmer hinsichtlich des Hauptkonfliktes. Es handelt sich um eine Tat, genauer eine Untat, deretwegen Iris, die zur Erbin des Hauses ihrer Großmutter bestimmt ist, dieses Erbe nicht annehmen will. Diese Geschichte setzt erst nach über einer Stunde des mit 121 Minuten viel zu langen Filmes ein; es ist der Moment, wo Friedrich Mücke als Tankwart Peter Klaasen ins Spiel kommt und die elektrische (wer immer sie berührt, erhält einen elektrischen Schlag) und viel ältere Inga kennenlernt und sich aus undurchsichtigen Gründen in sie verliebt – und was die drei jungen Mädels Iris, die rothaarige Rosmarie und Mira mit dieser Liebe anstellen.
Das ist die einzige Geschichte in diesem Film, die für mich nachvollziehbar ist, sicher auch, weil Friedrich Mücke sich gründlich auf seine Rolle vorbereitet hat, so scheint es, und weil er als Tankwart auch konkrete Handlungen zu vollziehen hatte: Tank füllen.
Das führt zum nächsten Thema, zu den Vorgängen und Handlungen. Die erschöpfen sich leider einmal mehr, wie so oft im guten, deutschen Studienratskino in Handlungsfetzen, einmal rührt Iris in einem Topf, einmal läuft sie mit einem Tablett, dies scheint ihr kurz vor Szenenbeginn vom Requisiteur in die Hand gedrückt worden zu sein und sie kann nichts damit anfangen, zum eben gesehenem Picknick unter dem Baum. Dieses Picknick findet mit dem Sprecherschauspieler Florian Stettner statt – auch hier ein großes Besetzungsmanko: zwischen ihm und Hannah Herzsprung kann man nicht mal sagen, die Chemie stimmt nicht, das wäre ja noch spannend, es existiert null Chemie zwischen den beiden und er hat sowieso lauter Bandwurmsätze; ein Picknick, was wiederum wie vom Himmel geschickt plötzlich stattfindet.
Einmal müssen die beiden einen Stadel grün anstreichen (weil darauf noch „NAZI“ stand), auch diese Tätigkeit sieht so aus, als sei den Darstellern kurz vor dem Wort „Action“ noch ein Pinsel in die Hand gedrückt worden und die Stelle gezeigt, wo sie mit dem Pinsel auf und ab fahren sollen; dies aber nicht als dezidierter Surrealismus kenntlich gemacht, sondern offenbar mehr als ein misslungener Realismus, filmisch nicht im Griff. Das ist ein unkonkretes Kino, was glaubt, ohne Handlungen auskommen zu können, und wenn es welche zu schreien und inszenieren gibt, dann passiert das so rudimentär und reizlos wie die Testamenteröffnungsszene.
Und plötzlich beschriftet Max, der Anwalt, ganz ohne Handlungsgeschichte, Konfitürengläser.
Der verletzte Opa liegt viel zu lange und unnatürlich auf dem Boden.
Teichbegegnungen zwischen Iris und Max, filmisch verklemmt. Wie auch die übrigen Begegnungen. Garantiert auch ein gravierender Castingfauxpax. Erotik wie zwischen zwei Holzklötzen.
Realistisch: das Todesrasseln der Oma kurz bevor sie ihre Seele aushaucht.
Notizen während dem Screening: Hausbackenes Kino für Heimchen und Herd.
Sie wollen großes Kino machen und können es nicht. Sollen sie es lieber bleiben lassen.
Es geht hier nicht ums Kino, es geht hier um zeitnahes Ausschlachten eines Romanbestsellers.
Wenn Iris einen Erinnerungsspaziergang durch das eben geerbte Haus macht und diese Erinnerungen immer gleich fugenlos reingeschnitten werden, so verliert die Darstellerin jedes mögliche Geheimnis und selber weiß sie gar nicht, was sie sehen soll.
Dieses Erinnern holpert unorganisch und ohne Handlungsfaden über die Leinwand. Und macht die Figuren hinter ihrer Geschichte herhinkend.
Wenig begeisternde Optik obendrein. Der Kameramann scheint kein besonderes Verhältnis zum Licht und zum Erzeugen von Stimmungen mittels diesem zu haben, noch für die Kamerapositionen und Bildausschnitte, geschweige denn eine Philosophie, die Licht und Ausschnitte zu einer gewissen Kontinuität der Erzählung über die Jahrzehnte zusammenfügen könnte.
Auch die Auflösung einzelner Szenen lässt zu wünschen übrig: beispielsweise, wie Iris mit dem Fahrrad und dem langen Rock fährt und wie dieser sich verfängt und wie sie hinfällt, nicht gerade meisterhaft und wie dann aus dem Nichts Max dazukommt und zwar sofort und ohne jede Überraschung, das war vielleicht eine kalte Probe, mehr nicht.
Auch wie die Oma vom Baum stürzt, die erste Andeutung in der Erinnerung hätte vollkommen genügt, aber nein, es muss auch noch ganz und wieder eher wie eine noch nicht zufrieden stellende Probe gezeigt werden; damit dem Zuschauer, der sich’s bei der ersten Erwähnung noch selbst vorstellen konnte, noch die letzte Fantasiearbeit ruiniert wird.
Drehbuchleseinkompetenz bewiesen und diesen Film gefördert haben: Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, Geschäftsführerin Eva Hubert, Vorsitzender des Aufsichtsrates Dr. Nikolas Hill, Staatsrat der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg, HessenInvestFilm, Herr Günter Schmitteckert, Vorsitz der Bewertungskommission, Filmförderungsanstalt (FFA), Vorstand Peter Dinges, Deutscher Filmförderfonds (DFFF), Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF), Geschäftsführer Dr. Klaus Schaefer. Wenn diese Herrschaften ihr eigenes Geld in den Film investieren müssten, so würden sie bestimmt sorgfältigere Ausführung verlangen.
Ich würde gerne mal wissen von welchem verletzten opa hier gesprochen wird, der viel zu lange auf dem boden liegt, und seit wann inga in dem film schwarze haare hat? Soweit ich weiß war die einzige schwarzhaarige rolle, die der mira. Ich empfehle den film ein zweites mal zu sehen um ihn zu verstehen wenn man der selben auffassung ist wie diese schnell dahin geklatschte und schlecht recherchierte kritik. Wenn man einen film nicht versteht heißt es nicht dass er ein schlechtes drehbuch oder eine schlechte umsetzung hat, es heißt nur dass man sich vllt einen anspruchsloseren film suchen sollte. Die handlung ist anspruchsvoll und fordert die eigene Konzentration. Man muss sich schon mühe geben durch zu blicken aber wenn man dies schafft ist man auch in der lage zu erkennen, dass dieser film eine kleine filmperle der deutschen filmgeschichte ist.
Vielen Dank, lisa z, für Ihr Feedback. Dass es sich bei diesem konfusen Werk um eine „Perle der deutschen Filmgeschichte“ handelt, wage ich zu bezweifeln, das müssten Sie eingehender erläutern, was da so perlt.
Bei dem wirren Mix der Zeitebenen im Drehbuch von Uschi Reich und Rochus Hahn sind Wahrnehmungsirrtümer nicht nur möglich, sondern direkt zwingend. Da können Sie sich gerne mit anderen Zuschauern darüber unterhalten. Wenn die Wirkung eines Filmes die ist, dass der Zuschauer nachher „recherchieren“ muss, wer jetzt wo was getan hat, dann liegt es wohl weniger am Zuschauer. Genau das dürfte der Grund sein, warum nur 164’515 Zuschauer den Film sehen wollten, was doch erstaunlich ist bei einem Millionenpublikum von Lesern. Das dürfte die hochgeschraubten Erwartungen der Macher bei weitem nicht erfüllt haben. Und daran soll nicht die Qualität des Filmes schuld sein, nicht das katastrophale Drehbuch? Mich würde interessieren, wie die Produzenten das wirtschaftliche Fiasko analysieren.
Ein Skandal, dass die Autoren Uschi Reich und Rochus Hahn für diese wirre Arbeit vermutlich anständige Gagen aus Filmförderungen und Zwangsgebührengeldern bezogen haben für dieses Kümmerlichwerk, das wird mir jetzt auf Distanz nur noch mehr bewusst.