Zwei Leben

Eine schaurig-schauderhafte Geschichte, die uns Georg Maas, der mit Christoph Tölle auch das Buch geschrieben hat, hier auftischt, ein schauderliches Stück Kino, ständig hin- und hergerissen zwischen Horror und Melodram.

Den speziellen Kick erhält dieses Teil dadurch, dass es auf Tatsachen beruhe und nicht auf Erfindungen – wobei im Abspann zu lesen ist, dass einige Dinge nie aufgeklärt worden sind. Die haben die Autoren gezwungenermaßen nacherfinden müssen, was man ihnen auch ansieht.

Es geht auf die Nazizeit zurück. In Norwegen haben Nazis mit Norwegerinnen schätzungsweise 11.000 Kinder gezeugt, so das Presseheft. Diese wurden als „von gutem nordischem Blut“ für „hochwertig germanisch“ und „rassisch wertvoll“ erachtet. In Kinderheimen mit dem Namen „Lebensborn“ wurden diese Kinder „zur Förderung des germanischen Erbgutes für das Deutschtum“ untergebracht und aufgezogen, nachdem sie ihren Müttern weggenommen worden waren.

Etwa 250 von diesen Kindern seien nach Deutschland ins SS-Kinderheim „Sonnenwiese“ verschleppt worden. Dieses lag auf dem Gebiet der späteren DDR. Nach den Nazis kommt jetzt die Stasi ins Spiel. Die hat versucht, angeregt durch Ausreisegesuche solcher Kinder, die ihre Mütter suchten, Agenten in den Westen zu einzuschleusen. Hochkompliziert alles und nicht einfach nachzuerzählen.

Um eine derart angeworbene Agentin handelt es sich bei unserer Hauptfigur. Die wurde mit falscher Vita und unter falschem Namen nach Norwegen eingeschmuggelt. Sie fand ihre vermeintliche Mutter. Die wird gespielt von der großen Liv Ullmann, die auch wirklich ihre Tochter anschaut in den Momenten der Wahrheit. Ihre vermeintliche Tochter, also die DDR-Agentin, heiratet einen U-Boot-Kapitän, wird Mutter einer Tochter, und der Film versucht, uns das glückliche Familienleben mit belanglos nacherfundenen Familienszenen rüberzubringen, die eben nur erzählen, hier möchte ein Filmemacher ein glückliches Familienleben „zeigen“. Was als Ausgangslage für einen Konflikt und eine dramatische Handlung denkbar ungünstig ist.

Wie denn sowieso mehr Arbeit auf das Drehbuch hätte verwendet werden müssen. Um einerseits die geschichtliche Information plausibel verdaubar für den Zuschauer rüberzubringen, andererseits speziell die Rolle dieser Agentin, dieser Figur aus purer Falschheit zuerst einmal mit Sympathie aufzuladen, was hier nicht passiert, mit Empathie zumindest, um anschließend beim Entblättern der Wahrheit eine umso drastischere, horriblere Wirkung zu erzielen. Das passiert hier nur über die Besetzung.

Auch das sorgsame Aufrechterhalten dieser Fassade, denn es ist kaum zu erwarten, dass sie die falsche Grundlegung ihres „Glückes“ je vergisst, gerät dadurch außer Acht. Das wäre vielleicht ein Duktus ähnlich vergleichbar mit dem Sonderduktus eines Alkoholikers, der nicht auffallen möchte und der sich an seinem etwas deutlicher beherrschten Gang als dem seiner Mitmenschen verrät. Solche Arbeit an der Rolle scheint allerdings nicht geleistet worden zu sein. Vielmehr wirkt es so, als hätte ein Fundstück aus der Nazizeit, ein brisantes ohne Zweifel, als Vorwand für eine Degeto-Bedröppel-Geschichte mit zäher Musiksauce drüber herhalten müssen.

Juliane Köhler spielt diese Hauptfigur. Wie stellt sie diese kaum spielbare Person der Katrine Evensen Myrdal nun dar? Mit viel falschem Lächeln in der ersten Phase des Familienglücks, mit nervösem Reiben der Fingerkuppen aneinander bei manchem Textaufsage-Stellen in dieser falschen Rolle der erschlichenen Tochterschaft von Liv Ullmann oder mit deutlichem Widerwillen gegen das Kanu, das sie aus dem Wasser hieven muss, da zu ihrem falschen Leben auch das Kanufahren gehört – und mit vielen irren Blicken, teils mit aufgerissenen Horroraugen und nach und nach immer mehr schuldhaft bedröppelten Blicken, je mehr ihre grausige Vergangenheit an den Tag kommt. Wenn sie aus der Panik aufzufliegen in die ehemalige DDR zurückkehrt und mit schwarzer Perücke unerkannt bleiben möchte, könnte man sie für eine Beate-Zschäpe-Verkörperung halten.
Frau Köhler spielt diese Katrine wie eingesponnen in diese falsche Welt; als ob sie diese Welt gar nicht richtig wahrnehme.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert