Room 237

Der Zuschauer darf hier muntere 103 Minuten lang teilhaben an einer geist- und kenntnisreichen, nicht unbedingt tiefschürfenden oder gar todernsten Plauderei von filmgebildeten Menschen über Stanley Kubricks „Shining“.

Wobei der Begriff Plauderei insofern nicht ganz stimmig ist, als Bill Blakemore, Geoffey Cocks, Juli Kearns, John Fell Ryan und Jay Weidner von Regisseur und Drehbuchautor Rodney Ascher nicht zu einer Talkrunde zusammentreffen lässt, sondern deren Statements, Reflexionen, Bemerkungen und Interpretationen zum Film unter lockeren Zwischentitelpunkten aneinanderreiht und mit Ausschnitten aus „Shinging“ sowie Clips aus anderen Kubrickfilmen und aus der Filmgeschichte oder gar aus der politischen Geschichte bebildert.

Die Interviewten, das sind ein Journalist, ein Geschichtsprofessor, eine Dramaturgin, eine ehemaliger Video-Bibliothekar, ein Autor und Filmemacher. Sie haben alle ihre je eigenen Geschichten, Entdeckungen und Spekulationen über „Shining“. Voraussetzung für ihre Bemerkungen ist die Grundübereinstimmung, dass Kubrick sich immer was gedacht habe bei seiner Inszenierung; wobei Fälle von Anschlussfehlern, wenn ein Stuhl im Hintergrund beim nächsten Gegenschnitt plötzlich nicht mehr da ist, als Anschlussfehler gewertet oder eben anderslautend interpretiert wird.

Schier zur Verzweiflung bringen kann die Nachhaker die Architektur des Overlook Hotels am Center Lake. Da gibt es in Büros Fenster mit sehr viel Licht, in denen kein Fenster sein kann. Da landen zwei Darsteller nach einem langen Weg zwar in einer Toilette, die muss aber räumlich wieder im eben durchquerten Ballsaal liegen. Da ist das Muster am Boden, wenn Danny seine Spielzeugbahnen aufgestellt hat, erst offen und ein gelber Golfball rollt hinein. Im Moment aber, wo Danny aufsteht, ist das Muster geschlossen. Das dürfte nun kein Zufall sein.

Dass sich herrliche Überschneidungen ergeben, wenn man den Film gleichzeitig von vorn und von hinten auf eine Leinwand projiziert, dürfte weniger am Kalkül Kubricks als daran liegen, dass er den Gegenstand, den er betrachtet, meist sehr mittig inszeniert. So dass deutungsvolle Überblendungen bei diesem Vice-Versa-Projektionsverfahren zwingend entstehen müssen.

Blut, dieser kostbare Saft, lässt viele Interpretationen zu. Das Hotel liegt auf einem ehemaligen Indianerschlachtfeld. Und für die Zahlenmystiker hat der Kinomeister genügend Hinweise in die Ausstattung eingearbeitet, die die ganze Nazizeit als Unterlage unter den Film beamen können, das fängt schon mit der Adler-Schreibmaschine an.

Rodney Ascher versucht in einem Kapitel, die Essenz aus dem Film herauszuziehen, er, resp. seine Interviewpartner, versuchen „patterns of culture und civilisation“ aus dem Film herauszulesen oder sie versuchen im nächsten Kapitel, Wege aus dem Labyrinth zu finden – der Rückwärtsgang kann dabei ganz hilfreich sein.

Angelpunkt für Interpretationen bietet in einem weiteren Kapitel der geheimnisvolle Bill Watson. Die Gesprächspartner versuchen durch die Geschichte hindurchzusehen, die Gräueltaten der Geschichte als nicht länger existierend anzunehmen, nicht länger Opfer der Geschichte zu sein. Worte, die sicher über viele Filme gelegt werden können. Aber spekulieren macht eben Spaß, der wird hier als solcher vermittelt. Das Zimmer 237 wiederum ist das Zimmer ohne Ausgang, das Zimmer für Sex, eine hermetisch verschlossene Realität. Und wie war das nach Shining? Hat überhaupt einer das Thema kapiert bei all der Labyrinthizität? Da kann vielleicht die nochmalige, gründliche Vorwärts-Rückwärts-Projektion eine Antwort geben.

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