Paulette

Aus dem vollen Leben schöpfen die ersten Bilder, aus Erinnerungen, teils in Super-8, der Laden von Paulette, das war sie einmal. Heute ist sie alt, arm, misanthropisch und rassistisch bis zum Geht-nicht-mehr, hart, brutal gegen die eigene Tochter, wenn die den Bimbo, das ist ihr Enkel, den die Tochter mit einem Schwarzen hat, ihre Abneigung spüren lässt.

Paulette hat zwar ein paar Freundinnen, mit denen sie gelegentlich Karten spielt; ihre Freundlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie über eine leicht demente Mitspielerin meint, man solle sie einschläfern lassen.

Die Rente von 600 Euro reicht hinten und vorne nicht. Insofern hochaktuelles Thema. Paulettes Mann, Francis, der ist gestorben. 10 Jahre ist das her; ihr persönliches 9/11. Den Laden hat sie an Asiaten abgegeben und aus Hass denen Schaben in die Nahrungsmittel getan. Immerhin beichtet Paulette das dem Pfarrer.

Auch den Witwer, der sie auf dem Friedhof anmacht, weil das Grab von dessen Frau direkt neben dem ihres Mannes liegt, lässt sie brutal abfahren. Ebenso den verehrenden Nachbarn.

Die Schauspielerin Bernadette Lafon, die die Rolle spielt, kann aus dem Vollen schöpfen. Laut IMDb hat sie schon 183 Rollen auf dem Buckel. So spielt sie leicht die schrullige Alte, die wie eine Miss Marple herumtäppeln kann. Ihre erste Phase in diesem Film ist von Negativität gegenüber der Welt gekennzeichnet. Selbst zu ihrem Enkel, den sie hin und wieder hüten muss, ist sie abweisend.

Paulette wohnt in einem anonymen Hochhaus in der Banlieu von Paris. Unten im und vorm Haus treiben sich halbseidene Jungs rum. Paulette beobachtet, wie sie dealen, wie sie von der Polizei gefilzt werden. Durch Zufall gerät ihr ein Paket Hasch in die Hände. Von ihrem Schwiegersohn, der bei der Polizei ist, erfährt sie von einem Dealer namens Vito.

Mit dem Paket dringt sie in die Höhle von Vito ein, bietet sich ihm als Dealerin an. Schon irre, wie sie erst in einer Unterführung wildfremde Menschen anquasselt, ob sie Hasch wollen. Vom Schwiegersohn hat sie sich in der Asservatenkammer und im Archiv über Preise und Liefermengen informiert. Die handlungsfähige Alte.

Zuhause zerkleinert sie die Barren zu Detaillisten-Größe. Der Laden brummt. Bis die Jungs sich ausgebootet fühlen. Vorher war ihr Hab und Gut gepfändet worden, das dürfte die Initialzündung gewesen sein fürs neue Business, für ihre Alterskarriere. Mit dem Umsatz wächst der Wohlstand. Und der Neid und die Wut derer, die sich übergangen fühlen. Sie wird sogar verhauen von den Jungs. Übersteht das ohne Blessuren.

Sie entscheidet sich, den Stoff in Plätzchenform anzubieten. Jetzt läuft der Laden erst recht auf Hochtouren. Sie engagiert die Jungs, sie engagiert die Kartenspielfreundinnen, sie kleidet sich fein, fährt ans Meer; sie ist im Alterswohlstand angekommen – sicher Wunschtraum für viele.

Sie hat ihr misanthropisches Wesen abgelegt. Jetzt wird sogar der Oberdealer, der Russe M. Taras, auf sie aufmerksam, lässt sie mit einer Stretchlimousine abholen. Bis ihr seine Forderungen zu viel werden. Wer sich ihm gegenüber verweigert, der ist draußen. Also muss sie sich etwas Neues einfallen lassen, was wir als schöne Moral der Geschichte interpretieren können: erstens: Armut ist schlecht für die Laune und die Moral und zweitens, legalisiert doch endlich Hasch! Das als schrullige Komödie erzählt in der Art, gib dem Affen nicht Zucker, gib ihm Hasch. Eine Mutter Courage des Hasch – fast brechtisch schon.

Dieses Vergnügen, das keine Unklarheiten übrig lässt, verdanken wir Jérôme Enrico, der mit Laurie Aubanel auch das Buch geschrieben hat.

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