Only God Forgives

Die Geschichte ist eine übliche, keine kinoungewöhnliche. Es gibt eine Mutter. Die sieht aus wie ich mir eine nordische Göttin vorstelle und blond. Sie hat zwei Söhne. Der eine hat den Vater umgebracht und ist deshalb aus den USA nach Hongkong geflohen. Dort hat er eine Minderjährige umgebracht. Deshalb ist er von Verwandten derselben getötet worden. Das war der Bruder mit dem großen Schwanz, wie die Mutter erzählt, der Tüchtige, der Starke. Der andere Bruder hat immer schon das kleinere Pfeiflein gehabt. Er gilt als der Schwächere. Er wird gespielt von Ryan Gosling mit den blauen Augen. Er ist nun selber auf dem Rachepfad für den größeren Bruder mit dem großen Schwanz. Die Mutter will zusehen, dass diese Rache ordentlich vollbracht wird.

Was macht Nicolas Winding Refn aus diesem halbarchaischen Rachestoff? Das Archaische betont er mit einer auf Tiefe und Wucht getrimmten Musik, in der auch Urhörner ertönen. Ob es ihm aber sonst auch um das Arachaische, das Töten- und Rächenwollen geht oder ob er sich mehr als ein Kinoforscher sieht, der dem aktuell häufigen Bildermassenübertrumpfmodus Hollywoods, der Temposucht und der 3D-Einsimensionalität etwas entgegensetzen will? Oder ob er gar erforschen will, ob das Kino noch einen Existenzgrund hat, das bleibt mir unklar.

Jedenfalls versucht er, den Szenen durch Verlangsamung, durch Annäherung an den Stillstand Bedeutung zu verleihen. Auch Tapetenmusterfilm, Strukturfilm, der an Tapeten hängen zu bleiben droht. Oder Refn versucht sich an einer Art Vivisektion des Banalen im Kino. Oder am Herausstreichen des Banalen an solchen Geschichten.

Das scheint ihm zu gelingen. Seltsam leer mutet sie an, diese Übung. Die Schauspieler wirken austauschbar. Es sind lediglich verschiedene Typen. Die Mutter eine nordische Hünin. Einige prototypische Asiaten. Und Ryan Gosling, von dem wie auch von den anderen Akteuren nicht mehr verlangt wird, als dass sie ganz exakt auf Position gehen können oder noch leichter für sie, sie werden statuarisch wie für eine Fotosession so eingerichtet, dass man genau die Augen sieht, oder die Augen genau nicht sieht.

Ferner erhalten sie von Nicolas Winding Refn noch die Anleitung, auf welchen Punkt genau sie schauen, besser starren sollen. Bedeutungsgewinn des Kinos durch Machtverlagerung von der Regie in Richtung Kamera, die lange Phasen in düsterem Rotlicht filmt.

Oder Refn sucht wirklich die Wahrheit im Kino, indem er versucht, die Action anzuhalten. Nur fündig wird er nicht. Das Resultat wirkt eher wie gepflegte Langeweile. Denn Rollenarbeit an den Figuren interessiert ihn nicht. Die Entwicklung von Figuren geht allenfalls von Intakt über Arm-ab bis Blutiggeschminkt. Viele Blicke in bedeutungsvoll ruhende Flure. Adjustiert sich an einen hohlen Fotoästhetizismus. Hoffnungssuche? Das Archaische in Daunen und Seide gebettet, dass es ganz zahm und lahm wird. Er fotografiert die Menschen in Momenten der Entscheidungsfindung oder des Innehaltens. Zu sehen ist nichts. Verharren der Wahrheit. Skelettkino. Kalte Behandlung und Abservierung der Darsteller. Sie auf fixe Positionen dirigieren und stehen lassen. Beleuchtungs- statt Regiekunst. Dekor statt Geheimnis.

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