The Call

Eine Predigt amerikanischer Werte im Gewande eines spannend gemachten Horror-Thrillers, dessen Selbstjustizende für den deutschen Markt einem ordentlich Anruf bei der Polizei weichen wird; hoffentlich dann mit Nummer 112 und nicht 911. Ob das allerdings ein kluger Produzentenentscheid war, bleibt abzuwarten, ob das die europäische Kundschaft mit dem Produkt versöhnen, es gar in Scharen an die Kassen zu locken vermag, ebenfalls. Denn gerade die, die es am ehesten anschauen würden, nämlich aus Spaß an der Freud an einem rasant und unterhaltsam gemachten Message-Film, dürften sich eher als blöd gegängelt vorkommen. Denn die Message bleibt unverändert.

Die Verhältnisse sind klar. Auf der einen Seite ein richtig böser Mensch, ein Psychopath, seelisch schwer geschädigt durch den Krebstod seiner kleinen Schwester, und der Ersatz für sie sucht, so viel darf verraten werden. Auf der anderen Seite eine effizient und stramm organisierte Polizei, wie sie auf amerikanisch schnell filmwirkungsvoll ist, aber eben auch oder vielleicht gerade weil martialischer. Menschen, die mit Leib und Seele ihren Einsatz für die gute Sache, die Polizei leisten.

Im Zentrum des Call-Centers der Polizei, dem zentralen Ort des Einganges für die Notrufe über die Nummer 911 steht für den Film die Polizistin Jordan Turner, die von Halle Berry mit ausgestellten Emotionen gespielt wird, obgleich die oberste Devise für diesen Job heißt, sich nicht emotional durch die Notlage der Anrufenden angreifen zu lassen. Aber keine Heldin ohne Schwächen, Jordan wird emotional angegriffen, trotz ihrer langjährigen Berufserfahrung. Und kein amerikanischer Held, der am Schluss das Unrecht nicht selbst erledigte ohne Zuhilfenahme des Staates, auch wenn die Heldin Polizistin ist. Der aufrechte Amerikaner, die aufrechte Amerikanerin regelt am Ende die Dinge selber, auch wenn sie sich dabei in äußerste Gefahr begibt. Das aber wiederum ist allerdings für die zeitweise schier unerträgliche Spannung eine weitere Stütze. Ferner das beliebte amerikanische Sujet der Menschenjagd. Der Täter, der für die Menschenjagd sämtliche Mittel als legitim erachtet: Psycho as Psycho can be.

Fängt an wie ein Erklärfilm, ein Lehrfilm, was es mit der Nummer 911 auf sich hat, wie das funktioniert.

Und die Moral von der Geschichte: ohne GPS telefoniere mit deinem Handy besser nicht; ein starkes Votum für noch mehr Überwachung für noch mehr PRISM; denn nur dann kann die Polizei effektiv Verbrechen verhindern, wie das, was unserem blonden Teenager-Girl blühen wird: echtes Martyrium; von dem allerdings die Spannung des Filmes hervorragend lebt; die Polizei, die sich alles anhören, aber lange nicht zugreifen kann. Diese und weitere Spannungsmittel (beispielsweise eine raffinierte Methode, wie ein Mensch, der im Kofferraum eines fahrend PKW eingesperrt ist, sich der Außenwelt mitteilen kann; aber auch die mit sanfter Stärke im Winde wehende amerikanische Flagge an einem Fahnenmast hoch über der Heldin, die jetzt gleich den Spagat zwischen amerikanischem und deutschem Finale zu bewältigen hat) stellten bereit: Richard D’Ovidio als Autor und Brad Anderson als Regisseur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.