Adieu Paris

Kino verstanden als akademische Elfenbeinturmsicht auf die Welt, und die darunter leidet. Die gerne dem Leben auf den Grund, zahnärztlich gesprochen, an die Wurzel gehen möchte, darin aber aus eben diesem Grunde wehleidig scheitert. Ein Indiz dafür ist die ständige, bedeutungsschwangere Musik. Oder die Hervorhebung des gebildeten Backgrounds durch Hinweise auf Literatur, sei es von Marguerite Duras oder Loriot oder Wilhelm Busch, Sartre, Goethe und das gute alte Goetheinstitut. Wehleidig auch, weil Buch (Martin Rauhaus) und Regie (Fanziska Buch) weder über Selbstkritik noch über Humor verfügen. Indiz hierfür sind die Stellen, in denen über die literarischen Qualitäten von Franziska Munz (so heißt die Protagonisten des einen Geschichtsskeletts) geredet wird, wie leicht und seicht und oberflächlich sie bisher geschrieben habe. Ja! genau so wie dieser Film, fällt einem bei diesem Zitat auf. Das Leiden und Manko an der Unfähigkeit zur Größe soll mit dem Kleinmädchentraum von der erfolgreichen Literatin wie mit Morphium betäubt werden (die erhoffte morphine Wirkung von Kino?).

Kann dies gut gehen, habe ich mich vor dem Screening nach Lektüre der Zusammenfassung durch das Presseheft gefragt. Zwei parallele Geschichten. Zwei Menschen, denen das Schicksal fett reinregnet. Nein, es kann nicht. Es ist too much. Ein Schicksal ist normalerweise genug für einen Film, wenn man es denn genau anschaut. Besonders, wenn es so hart kommt.

Wobei der Film, détail entre parenthèses, sich für eine eindeutige Erzählposition nicht entscheiden kann. An einer Stelle hat die aktuelle Hauptfigur Frank Berndssen Krach mit seiner Frau. Hier erlaubt sich die Geschichte eine subjektive Tonaufnahme aus Sicht des kleinen Töchterchens.

Andererseits scheint es auch, als ob das deutsche Kino hier das französische für seinen Erfolg bestrafen möchte. Sandrine Bonnaire, eine der Hauptrollen, wird von Maske und Regie jeglicher Charme und jeglicher Sympathiebonus weggeschminkt und weginszeniert; sie wirkt hier deutscher als Deutsch, deutscher als eine Katja Riemann, bleiern, während Jessica Schwarz, die die Autorin spielt, noch einen Rest an Sinnlichkeit belassen wurde.

Die beiden Frauen sind verbunden durch das Drama, dass der Mann der einen während er mit der anderen, der Autorin als seiner Geliebten, telefoniert, einen Autounfall verursacht – merke: nicht mit dem Handy im Auto mit der Geliebten telefonieren – und in ein unheilbares Koma versinkt. Dadurch dass hier elementare dramaturgische Defekte vorliegen, lässt uns das aber kalt.

Denn sämtliche Hauptfiguren sind ohne Historie, ohne Konflikte eingeführt, ohne Defizite, ohne Behinderungen, so dass auch ein Unfall, oder wie es in der anderen Geschichte der Fall ist, eine große Investitionsbetrügerei, uns kalt lassen.

Die Figuren sind so oberflächlich konstruiert, wie im Film selbst die ersten Bücher von Patrizia Munz geschildert werden. Hier bietet der Film selbst die Erklärung dafür, warum sich der Zuschauer möglicherweise schwer tunt mit der allgemein vorherrschenden, inszenatorischen Bedeutungsschwere.

Auch wie die beiden Figuren zusammen kommen, das ist dramaturgischer Murks und auch inszenatorisch bestenfalls gesellenhaft gelöst. Am Ticketschalter einer Airline, könnte Berlinair in Berlin sein, steht eine Schlange. Zwei Herrschaften haben es eilig. Die Autorin. Die hat eben am Telefon den Crash in Paris mitgekriegt und will sofort hinfliegen. Hat aber nicht das nötige Kleingeld dabei für einen Upgrade in die höhere Klasse, denn nur da sind noch freie Plätze. Es kommt zu Dialogen, von denen man nicht unbedingt sagen könnte, sie seien dem Leben abgelauscht und zu einem Spiel der Akteure, von dem man dasselbe sagen könnte.

Jedenfalls bietet der Protagonist der zweiten Geschichte, der Investmentbanker (auch die Szenen in diesem Milieu, die später folgen werden, sind so inszeniert, dass jeder Artikel im Wirtschaftsteil der SZ ein mehrfaches an Spannung garantiert) der Protagonistin der ersten Geschichte an, für den Upgrade aufzukommen. Dieser 2.-Strang-Protagonist (die Männer sind in diesem Film ein merkwürdig weltfremder Cast, wie aus der Rasierwasserwerbung oder dann wie alte Opas, die man nicht ganz ernst nehmen muss), der es selber eilig hat, schießt also der Autorin den Upgrade vor. Im Flugzeug kommen die beiden, so will es der Autor des Filmes, nebeneinander zu sitzen.

Der Film will auf die Bedeutung seiner Einzelschicksale mit merkwürdigem Understatement hinweisen, dass es nämlich 7 Milliarden Menschen auf Erden gebe, und dass keiner wisse, wie es mit ihm weitergeht. Ich würde eher auf unfreiwilliges Eingeständnis der Filmemacher tippen, dass ihr Produkt nicht gerade bedeutungsvoll sein kann. Denn wer sich explizit in Menschheitsrelation setzt, es aber nicht schafft, den Gegenpunkt zu definieren, wo im Kleinen Bedeutung anfängt, und eben nicht nur saucige Filmmusik, der steht doch etwas verlassen im Raum.

Den intellektuell-literarischen Anspruch formuliert der Film im formelhaften Satz, dass Zahnärzte neugierig seinen, denn sie wollen zu den Wurzeln vorstoßen. Ein Anspruch, den der auf die Zahnarztmethode referierende Film allerdings nicht ansatzweise erfüllen kann. Es handelt sich hier auch um reines Erklärkino – und nicht um Untersuchkino. Mehrfach erzählen sich, und damit dem Zuschauer, Figuren Dinge aus ihrer Geschichte, die eben Könner des Kinohandwerkes szenisch darstellen würden. Denn wir sind im Kino und nicht bei Ärztens oder Professorens oder bei Journalistens oder auf dem Amt.

Ein schönes, bewusst ausgewähltes Sujet ist im Entree des Spitals mit dem Koma-Patienten. Der war gut geschminkt und geil, wie er beim ersten Bild nach seinem Tod noch die Augäpfel unter den Lidern rollte. Übrigens kommt in dieser Maschinen-Abstell-Szene, die bedeutungsvoll inszeniert ist, auch dieses gewisse Selbstmitleidige des Filmes zum Ausdruck.

Selbstmitleid der Überlebenden. Wir sind intellektuell im Drehbuchschreiben und sagen statt, lass uns Tacheles reden, lass uns Käse reden, wobei es dabei offenbar tatsächlich um eine Käsedegustation geht.

Vielleicht versucht in diesem Film auch ständig die Rationalität die Gefühle zu unterdrücken. Aber ganz ohne Liebesgeschichte geht es nicht. Die hat die Autorin mit einem feschen Dänen. Andererseits, wenn das keine Beweise für genaue Lebensbeobachtung sind: bei einer Szene in einem Restaurant raucht die verdeutschte Bonnaire. Die Bedienung macht sie auf das Rauchverbot aufmerksam. Die farblos-verhärmte Synchronstimme entgegnet, dann solle sie doch die Polizei rufen. Hei, was sind wir nah am pulsierenden Leben. Was plautzen hier die Lebens- und Liebesweisheiten aus allen Nähten. Und das alles mit den Referenzgrößen Goethe, Loriot, Busch, Duras, Sartre.

Und was sind wir literarisch: ich habe eine halbe Flasche Wein getrunken und sehe vor mir diese riesige, schlafende Stadt. Aber da gibt es Gegenmittel: es ist ein Alptraum, was wir tun (die Maschine abstellen).

Aber nicht einmal der Investmentbetrug wird hier glaubwürdig geschildert. Denn als Referenzbild dazu dient die Charcuterie von Monsieur Albert. Räume voller Würste und Schinken. Sinnlich wird der Betrug nie mitgeteilt. Nur verbal. Einmal sitzt der Banker abgerissen auf einer Pariser Parkbank. Nachdem ihm etwas klar geworden ist, dem Zuschauer allerdings nicht so richtig, setzt er mit lautem Benzinmotorenkrach ein Laubgebläse im Garten in Gang.

Die Männer: ab der Stereotypie-Stange gecastet. Es ist ein Zerredfilm. Es wird immer erklärt und Information per Gespräch geliefert. Für den ganzen Anlagenbetrug muss herhalten, dass beim biederen Metzger die Polizei eine Razzia mit x Einsatzwagen und gerade mal 5 Polizisten durchführt. Ohne im Film sichtbare Folgen für den Metzger.

Ist es Mangel an Know-How oder akademische Arroganz, der solch katastrophalen cineastischen Fehler zuzuschreiben sind? Und dann noch schwerfällig gefilmtes Verschütten von Milch auf das Foto des Koma-Freundes. Oder haben wir es gar mit einem doktrinären Besserwisskino zu tun? Was sich stellenweise, zur Vertuschung dieses Befundes, tappsig anstellt? Eine Kinolektion über die Menschen, wie sie nie sind. Und auch nicht als eine cineastisch befriedigende Geschichte vorgestellt, nebst merkwürdig unplausiblen Kamerakranfahrten oder Auftritten der Figuren von hinter der Kamera in den Spielraum. Buchsbäume kann man jederzeit pflanzen. Oh, der Autor hat recherchiert. Man könnte auch jederzeit einen guten Film machen. Wenn man denn könnte. Wenn einen die akademisch abgehobene Weltsicht nicht daran hinderte. Da der Autorin im Film empfohlen wird, etwas Leichtes zu schreiben, sei ihr mit einer humorigen Wortverdrehung aus ebendiesem Film geantwortet: .. es spricht der Faxmann (statt der Fachmann). Adieu Paris, adieu Cinéma!

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