Trance (Filmfest München)

Danny Boyles hochkünstlerisch-künstlicher um ein Thema in 3 Bildern rotierender Bilder- und Musikrausch über die Ängste eines Nachwuchsauktionators in Bezug auf ein millionenteuren Rembrandt nach einem Buch von Joe Ahearne und John Hodge.

James McAvoy als Simon ist ein harmloser, sympathischer junger Mann, dem nicht allzu viel Einsicht in die Abgründe des Lebens oder Leidenserfahrung ins Gesicht geschrieben stehen und dem man kaum abnimmt, dass er ein Spieler ist, dass er von der Spielleidenschaft erfasst ist. Das wird jedoch behauptet.

Deswegen ist er auch bei Elizabeth Lamm (schöner Name für eine Psychiatrin) in seelentherapeutischer Behandlung. Sie wird bemerkenswert gespielt von der schon allein durch den unserer Konnotation nach männlichen Vornamen Rosario, Dawson.

Wie im Auktionshaus Delacys ein Gemälde von Rembrandt auftaucht und zur Versteigerung ausgeschrieben wird, sieht Simon seine Chance gekommen, seine Spielschulden abzubezahlen, wenn er es schaffen würde, das Gemälde zu klauen und zu verschachern.

Der Ganove, der ihm das zusagt und garantiert und schon im Voraus die Schulden begleicht, heißt Franck und wird von Vincent Cassel gespielt. Als kleiner Einstimmer wird der Haupthandlung ein kurzer historischer Film über einen Gemälderaub vorangestellt. Dass es zwar damals viel einfacher ging (einige Typen stürmen bewaffnet die Auktion, greifen das Gemälde, halten das Publikum in Schach, verlassen den Raum, besteigen eine Limousine und fahren davon), aber dass es immer noch Muskeln brauche.

Dass andererseits kein Gemälde es wert sei, sein Leben dafür zu geben. Und dass es heute tausend Sicherungen und Vorkehrungen gegen den Diebstahl eines solchen Gemäldes gebe. Die werden allerdings vom Überfallstrategen Franck geschickt ausgehebelt.

Das Gemälde kommt zum Aufruf. Der Auktionsbetrag steigt gegen 30 Millionen, da starten Franck und seine Komplizen den Überfall. Simon „rettet“ in einer geistesgegenwärtigen Aktion das Gemälde aus dem Tohuwabohu. In den Hinterräumen des Auktionshauses wird er von Franck gestellt, der ihm das in eine große schwarze Mappe gerettete Gemälde abnimmt und ihn zu Boden schlägt.

Simon kommt ins Spital. Franck will in seiner Ganovenbude die Mappe öffnen, den Triumph feiern, doch oh Schreck, nur der Rahmen ist in der Mappe, das Bild ist rausgeschnitten. Das war die einführende Handlung.

Der Rest des Filmes dreht sich jetzt darum, wie das Gemälde wieder zu beschaffen sei, denn das große Problem dabei ist, dass Simon das Gedächtnis verloren hat. Das glauben die Ganoven aber erst, nachdem sie ihm einige Finger grausam zerquetscht haben.

Jetzt fängt ein köstliches Stück an, das über eine Phase des Filmes genannt werden könnte „Gruppentherapie für Ganoven“, denn die schöne und clevere Frau Lamm kommt bald dahinter, dass Simon, der sich zu ihr in eine Hypnose-Therapie begeben hat, um den Überfall wieder zu erinnern, von den Ganoven verkabelt worden ist und abgehört wird. So schnaubt sie denn unvermittelt ins Mikro rein, was die denn wollen.

Man trifft sich ab da gepflegt in der Gruppe oder einzeln. Liebeshunger zwischen ihr und Franck bleibt nicht aus. Und so weiter. Dass Narrative an diesem Film ist nicht das Wesentliche. Das Fantastische, Antörnende sind die Bildwelten, die Boyle zaubert. Stilisierung der Farben durch eine Art Aquaplanning-Effekt, besonders wenn geometrische Strukturen vorherrschen, so dass eine gemäldehafte Wirkung entsteht, die vielleicht mit Bildern von Lyonel Feininger zu vergleichen ist. Sozusagen über die Fläche hinaus verschobene Farben. Um nur ein Mittel zu erwähnen.

Sonst sind immer besondere Kameraeinstellungen. Und hochkulturell werden Gemälde von Cézanne, Caravaggio, Goya, Monet, Rembrandt erwähnt. Nur um die Messlatte anzuzeigen. Auf der, die großen Maler fortgedacht zu heute und zum Film, vielleicht Boyle durchaus anzusiedeln wäre.

Ganz nebenbei werden im Rahmen der Hypnose-Versuche die Schwachstellen der Ganoven thematisiert, die Simon dazu bringen sollen zu erinnern, wo er das Gemälde nun zuletzt gewusst hat. Denn seine Wohnung war längst von den Ganoven durchwühlt.

Eine Schlüsselszene, die immer wieder kommt, ist, wie er auf der Flucht von einem roten Sportwagen angefahren und auf die Kühlerdecke gehoben wird. Die einzelnen Szenen sind wie kunstvolle Installationen inszeniert, oft theatral gespielt. Oder die Figuren mit Schlaglichtfotografie vorm Bildhintergrund herausgehoben, ganz leicht an Rembrandt erinnernd, ohne ihn zu zitieren.

Oder fantastisches Design eines heutigen London. Stellenweise der Eindruck, Boyle hätte den Film in einem Drogenrausch hergestellt oder versuche das Gefühl eines dermaßen exzesshaften Rausches zu vermitteln. Trance, heißt ja auch der Titel. Eine Trance, eine Bildertrance, eine Angsttraumtrance eines braven Auktionators. Der Film als ein trancehafter Gemälderausch. Wie Bilder berauschen können, nicht nur die Sinne, auch den Verstand. Einer dieser Filme, aus deren Bildmaterial, aus jedem einzelnen Bild man Hochglanz-Bildbände kompilieren könnte. Allein wie Boyle eine Autobahnkreuzung nächtlich und von oben aufnimmt und mit rotem Farbfilter versieht. Eine Endloszirkulation halluzinierend, wie die Bilder im Kopf von Simon. Immer um den gleichen Punkt kreisend, die zwei Hauptbezugspersonen und das Bild, seine verbrecherische Tat. Eine Trance, in die einen einfachen Menschen so große Beträge und Werte und solches Künstlertum schwindelnd versetzen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert