Eltern (Filmfest München)

Während der wunderbare, amerikanische Film „Das Glück der großen Dinge“, der das Problem, von Kindern, deren Eltern keine Zeit haben, konsequent und atemberaubend aus der Sicht der kleinen Maisie erzählt, geht’s im deutschen Pendantversuch von Robert Thalheim, der mit Jane Ainscough auch das Drehbuch geschrieben hat, hackliger zu und her.

Denn die deutsche Drehbuchkultur ist vom Fernsehen bedingt und will Themen behandeln. Hier also das Thema von Eltern, die keine Zeit für ihre Kinder haben.

Wie führt man nun so ein Thema ein, wenn man sich nicht für eine Hauptfigur entscheiden will – unsere Familie besteht aus Vater Konrad (Charly Hübner), Mutter Christine (Christiane Paul) und den beiden Mädels Käthe und Emma, dazu kommt bald schon das argentinische und schwangere Kindermädchen Isabel. Jetzt müssen lindenstraßenmäßig Familienszenen erfunden werden, die dem Zuschauer klar machen, dass Beruf und Familie schwierig zu vereinen sei, denn ein Handlungsfaden ist in einem Themenfilm nicht erforderlich, man kriegt auch so deutsche Förderungen, denn die werden das Drehbuchlesen im Hinblick auf spannendes Kino nie lernen (hier: Medienboard Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus, Geschäftsührerin, Mitteldeutsche Medienförderung, Manfred Schmidt, Geschäftsführer, FFA Filmförderungsanstalt, Vorstand Peter Dinges, Deutscher Filmförderfonds, Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, und BKM, Ansprechpartner, Sandra Wemmel).

Kindergeburtstag, Essen, Zwiebelhacken, Frühstück, Einkaufen und Emma muss immer im unglücklichsten Moment Pipi. Andererseits spüren die Schauspieler dieses Manko, die Lindenstraßenhaftigkeit; es wird sogar thematisiert, aber leider nicht eliminiert, auch die verbotene Frage „was ist denn hier los“ kommt mehr als einmal vor. So tun denn die Schauspieler mit ihren Mitteln eins draufsetzen zur Kompensation der Drehbuchschwächen, so dass wir in der ersten Phase des Filmes eine theatralische Lindenstraßenhaftigkeit vorgesetzt bekommen. Und einen sehr, sehr hackeligen Einstieg in das Thema. Aus besagten Gründen.

Was leider viel zu spät als doppelter Handlungsfaden erkennbar wird und zur Dramatisierung des Filmes beiträgt, sind die beruflichen Chancen der beiden Elternteile. Konrad, der ein Theaterregisseur ist, hat die Chance auf einer Bühne die Nibelungen zu inszenieren – übrigens kommt auch der Bühne zusehends eine Handlungsrahmen gebende Funktion zu, die Mutter dagegen ist Ärztin, es ist nicht nur viel Betrieb im Spital, es kommt noch Frau Baumann dazu; sie wird allerdings einen kurzen melodramatischen Moment zur Folge haben.

Das kapitelgebende Prinzip der Wochentage ist eher ein untauglicher Ersatz für das fehlende Handlungsgerüst; dieses aber wiederum dürfte vor allem aus dem Grund notleidend sein, dass eben nicht sich für eine Hauptperson, aus deren Sicht die Geschichte geschildert wird, entschieden wurde. Dass die Geschichte nach langem Anlauf doch noch in Gang kommt, dürfte an den aufdrehenden Akteuren liegen, am Bühnenraum, weniger an den andere-Frau- anderer-Mann – Geschichten, aber an der Liebe zur Bühne des Autors und Regisseurs vielleicht.

In diesem Film haben die Eltern keine Zeit für die Kinder, weil sie spielen, sie hätten keine Zeit. In „Das Glück der großen Dinge“ haben die Eltern keine Zeit, das liegt nicht nur am Entwurf der Szenen, sondern auch an der Auswahl der Darsteller, nebst den erwähnten Punkten der Perspektive. Der Zuschauer macht dort eine neue Erfahrung. Das macht er bei Robert Talheim nicht. Hier wird er Zeuge, wie ein junger Regisseur versucht, ein Thema filmisch auszufalten. Was vor allem anfangs in einen sehr eindimensionalen Realismus ausartet. Der wäre vielleicht reizvoller geworden mit ganz billigen, unbekannten Schauspielern, denen vielleicht die Sensibilität für ein schwaches Drehbuch, für schwache Szenen abgeht und die jeden Satz für ihren Überlebenskampf im Metier nutzen müssen. Das müssen die hier vorgeführten Darsteller garantiert nicht. Es sind sozusagen hinsichtlich des Buches, Überbesetzungen. Denn sie haben es nie nötig, zu zeigen, wie schwierig eine Sache ist. Deshalben spielen sie es erkennbar, vor allem der Vater. Das aber war die Absicht des Autors und Regisseurs.

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