Das Mädchen Wadjda (Filmfest München)

Über diesen Film lassen sich zwei Geschichten erzählen.

Die erste Geschichte. Es ist ein wundervoller Kinderfilm vom 12jährigen Mädchen Wadjda, das von einem Fahrrad träumt, dem aber die Umwelt lauter Hindernisse in den Weg legt, diesen Wunsch zu erfüllen. Wadjda ist jedoch ein waches, rational denkendes und schlagfertiges Mädchen, lässt sich von ihrem Ziel nicht abbringen. Wie es schließlich das Fahrrad bekommt, um es gleich wieder zu verlieren und wie daraus doch noch ein gutes Ende wird, das erzählt die Regisseurin Haifaa Al Mansour in einer gut nachvollziehbaren Kinosprache mit exzellent besetzten Kinderdarstellern und mit gut ihre Funktion und Charakteristik ausfüllenden Erwachsenen-Darstellern.

Die zweite Geschichte. Die ist um einiges sensationeller (umso besser, dass schon die erste Geschichte eine prima Geschichte ist). Es ist nämlich der erste komplett in Saudi-Arabien gedrehte Kinofilm. Paten standen eine ganze Reihe von Institutionen des Weltkinos; koproduziert wurde der Film mit Deutschland, für die Kamera kam von hier Lutz Reitermeier.

Die Widerstände, die das Mädchen zu überwinden hat, sind landesbedingt andere, als ein Mädchen in Deutschland zu überwinden hätte. Gemeinsam wäre beiden das fehlende Geld. Ein solches lässt sich in Saudi-Arabien verdienen, indem man Postillion d‘ amour zwischen den Geschlechtern spielt, aber das reicht bei weitem nicht für ein Fahrrad, selbst wenn Wadjda ihren Botenlohn gleich doppelt abkassiert, so raffiniert ist sie schon.

Hier lässt sich aber auch Geld verdienen bei einem Wettbewerb im Koranstudium. 1000 Rial ist keine Kleinigkeit und würde sogar den Fahrradpreis übertreffen. Dafür müssen Koranverse gepaukt werden, mit den modernsten Instrumenten, mit DVD auf dem riesigen Home-Kino-Bildschirm, auf dem der Vater sonst lieber Playstation spielt.

Der Vater ist hier eher eine traurige Existenz, er ist nicht zufrieden mit seiner Frau, der Mutter von Wadjda, weil sie eine schwere Geburt hatte und wohl nicht imstande sein wird, ihm noch den erhofften Sohn zu gebären. Somit wird das Thema Zweitfrau akut.

Auch kommt Fahrradfahren für Frauen in Saudi-Arabien nicht in Frage, ein weiteres Problem. Aber wenn man den kleinen Freund Abdallah hat, so zeichnen sich schnell Lösungen ab. Dieser will nämlich für einen Onkel Wahlwerbung machen. Dazu möchte er Glühlämpchen von der Dachterrasse von Wadjdas Elternhaus aus über den Hof spannen. Wadjda gestattet ihm das allerdings nur, wenn er sein Fahrrad mit aufs Dach bringt. So kommt die freche Göre dazu, ein paar Proberunden auf dem Dach zu drehen. Im übrigen verhüllt sie sich nicht gern, trägt am liebsten abgelatschte Turnschuhe und lässt auch skrupellos einen liegengelassenen Zehennagellack von Schulkameradinnen mitgehen.

Da der Film ausschließlich aus der Perspektive von Wadjda erzählt wird, erhält der Zuschauer Einblicke in die verbotene Frauenwelt Saudi-Arabiens, in eine Umkleidegarderobe in einem Klamottenladen in einer großen Mall zum Beispiel; das wäre in Saudi-Arabien Männern nie erlaubt, aber auch, wie Mutter telefoniert, wie Frauen die Männer durchhecheln, wie Frau sich schön machen will für den Mann. Oder Frauenklatsch darüber, dass es sich beim Einbruch bei der Lehrerin nicht unbedingt um einen Dieb gehandelt haben müsse.

Die Familie von Wadjda dürfte dem saudischen Mittelstand angehören, großzügige Wohnung mit allen modernen Einrichtungsgegenständen und einen Fahrer kann man sich auch leisten. Der wird als Ausländer charakterisiert, der ein gebrochenes Arabisch spricht. Ana biruh madras. Ich gehen Schule.

Ein prima gemachter Kinderfilm über ein heranwachsendes Mädchen, das viele Flausen und Frechheiten im Kopf hat, das aber auch, wenn es denn ein Ziel hat, hartnäckig dran festhält. Dazu ein Film, der uns diskret und sympathisch etwas den Schleier über dem saudiarabischen Frauenleben lüftet.

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