Schon mit seinen Vorgängerfilmen „I killed my mother“ und „Herzensbrecher“ hat Xavier Dolan gezeigt, was für ein extraordinäres Händchen fürs Filmemachen er hat, wie genial seine Montage ist. Das Grundthema könnte vielleicht formuliert werden als ein Leiden unter der Fixiertheit der menschlichen Liebeskommunikation über die fixe Idee klarer, eindeutiger und unbeweglicher Geschlechtsidentitäten. Ein Thema, was die Menschen umtreibt, so lange sie fühlen und sehnen und lieben wollen.
Zwei Dinge, die über diesen Film von Dolan zu sagen sind. Das eine ist die herausragende Kunst der Montage, die er inzwischen so weit entwickelt und perfektioniert hat (ich könnte mir vorstellen, dass er durch die Methode Godard inspiriert ist), dass mein Eindruck bei diesem Film der war, er würde mich mehr umfangen, mehr hineinziehen als 3D es bislang je vermocht hat. Was wiederum beweisen würde, dass 3D (und es gibt schöne Erlebnisse dabei von „Findet Nemo“ über „Life of Pi“ bis „Pina“) gar nichts nützt, wenn nicht entsprechend qualitative Geschichten da sind.
Zur Montage zählt in diesem Falle nicht nur das Aneinanderpeppen von einzelnen Bildern und Szenen und der Tonspur drüber; dazu zählt schon die Bereitstellung des Materials: die Ausstattung, bis ins Detail lässt jedes Interieur meist eine stilvolle Frauensperson voller Gefühle (oder ausnahmsweise bei Fred eine deprimierte oder enttäuschte Frau) erahnen; genau so ist es mit den Kostümen, bei deren Konzeption auch die Hand von Dolan spürbar wird; erst recht, wenn in einzelnen Bildern Mäntel zu tollem Faltenwurf traumhaft sich aufblasen; dazu kommen die gespielten Szenen, die gerne dialogisch sind, die Heftigkeit, die Lebendigkeit der Inszenierung dieser Dialoge, ferner: Dialoge, die auf der Tonspur laufen, während im Bild eine Szene sich abspielt, die gerade dadurch spannend wird, dass nicht banal illustrierend gewichtet wird. Nehmen wir die Dialoge des Protagonisten Laurence mit seiner Freundin Fred anfangs des Filmes, wie das ein Hin und Her und eine Dialektik und ein Humor und ein Sich-nichts-Bieten-Lassen ist bei vollem Respekt für den anderen.
Das zweite ist die Geschichte. Es geht um Laurence. Der unterrichtet an einem College Literatur, wir erleben eine Stunde, in der es um Proust geht. Er hat schreiberische Ambitionen und lebt mit Fred zusammen, die er liebt. Eben hat er den Berthiaume-Preis gewonnen, den er selber bescheiden als Folge davon ableitet, dass wohl in einer kleinen Zeitung jemand gewesen sei, der seine Gedichte gemocht habe.
Er ist anfangs des Filmes Mitte Dreißig. Der Film wird einen Zeitraum von zehn Jahren abstecken, nach welchen er als erfolgreiche Schriftstellerin mit Verlag in Frankreich und Lesereise nach Vermont dasteht.
Eine Geschlechtsumwandlung ist der zentrale Vorgang, wobei die physiologischen Details hier wenig kümmern. Die schneidenste Pointe zu diesem Thema, zum unsicheren Umgang der Gesellschaft damit, liefert die Interviewerin, die sie in der letzten Phase des Filmes zum Gespräch gebeten hat, mit zum Teil dümmlichen Fragen, und die am Schluss auf Französisch fragt, ob sie guter Dinge sei – wäre interessant zu sehen, wie das in einer allfälligen deutschen Synchronbearbeitung bewerkstelligt würde – also die Journalistin fragt, ob die Schriftstellerin confiant sei, was, wenn man eine Frau fragt, heißen muss: confiante, wobei das -te am Ende als „T“ ausgesprochen wird, während in der männlichen Form, wenn man also einen Mann fragt, das T nicht ausgesprochen wird, die Interviewerin fragt also ob sie confian sei und fügt nach einer Schreck-Sekunde noch das T bei. Eine wunderbare Subtilität.
Nach der Preisverleihung offenbart sich Laurence seiner Freundin, dass er sich als im falschen Körper lebend fühle. Die Aussprache macht Laurence insofern frei, als die Freundin zuerst recht vernünftig reagiert und vorschlägt, mit ihm einkaufen zu gehen, was so Frauendinge sind. Dann wollen sie seine „Premiere“ als Frau feiern. Sie träumen von der Schwarzen Insel.
Eine Szene zum Atemanhalten, wie Laurence wieder in die Schule geht, sein Auftritt vor der Klasse als Frau, apart und geschmackvoll hergerichtet, nicht ein Hauch von Tuntigkeit. Eine lange Stille. Aber es kommt, wie es kommen muss, die Umwelt kann nicht umgehen mit so einer Geschlechtsumwandlung, auch wenn alle treu und herzig beteuern, ihnen komme es nur auf den Menschen an.
Denn es gibt da ein paar Paragraphen, die Transsexualität als psychische Störung auflisten und es gibt besorgte Eltern. Das führt dazu dass Dolan eine Szene wie liebloses, festgefahrenes Fernsehen inszeniert: die Versammlung der Verantwortlichen der Schule, die ihm nach viel Salbaderei den Rausschmiss aus seiner Position bekannt geben. Er schreibt nur noch wortlos „ecce home“ an die Wandtafel und geht. Was so ein Jobverlust für Folgen, auch viele, viele, positive, aber auch bis zur blutigen Nase haben kann, was für Welten sich ihm erschließen dadurch, das wird im Weiteren gezeigt.
Seine Freundin Fred, die Schauspielerin ist und tolerant reagiert hat, bekommt in der Folge allerdings Depressionen und trennt sich von Laurence; sie zieht mit einem anderen Mann zusammen nach Trois-Rivières. Laurence zieht mit einer verständnisvollen Charlotte zusammen. Im weiteren belügen sich unsere Figuren, die gedacht und sich vorgemacht haben sie seien durch die Fährnisse und das Outing geläutert, munter weiter.