Furchtbar, wenn einer einfach anderen keine Angst einjagen kann, wenn keiner Angst vor einem hat. Das ist das Problem von unserem grünen Einauge mit der Zahnspange, Mike Wazowski. Darum möchte er unbedingt auf die Monster-Uni aufgenommen werden. Denn dass, wer keine Angst einflößt, keinen Respekt genießt in unserer Gesellschaft, das ist der subtile Untertext dieser Animation aus den Disney Studios, der verschafft unserer Gesellschaft auch keine Energie. Das Buch stammt von Robert L. Baird, für die Regie zeichnet Dan Scanion.
Wir erhalten einen Einblick in das Funktionieren dieser Energie-Industrie. Das sind riesige Fabrikhallen. Hier gibt es keine Arbeiter, sondern Monster. Sie gehen durch die Monstertüren, landen in nächtlichen Kinderzimmern und versuchen die Schlafenden zu erschrecken. Je besser dies gelingt, desto stärkere Energieimpulse werden in das Stromnetz eingespeist und der Laden oder die Gesellschaft wird am Laufen gehalten. Wer also die Fähigkeit andere zu erschrecken nicht hat, der kann in dieser Hinsicht auch kein nützliches Glied unserer Gesellschaft werden.
An die Monster-Universität zu kommen, ist ein heiß begehrtes Ziel, denn der Andrang ist groß. Das gelingt Mike noch irgendwie. Aber um in die speziellen Kurse aufgenommen zu werden, die der Heranbildung wirkungsvoller Monster dienen, müssen Prüfungen bestanden werden. Es findet ein richtiger Wettbewerb statt um die Aufnahme in den begehrten Studiengang. Teams müssen gegeneinander antreten und bei jeder Runde fällt der Verlier raus. Am Schluss bleibt nur eine Gruppe übrig, die das begehrte Studium antreten darf.
Klar ist, sonst wäre es keine schöne Geschichte, dass unser Nicht-Monster-Monster Mike, den keiner Ernst nimmt, am Schluss das Obermonster werden wird. Um Mike bildet sich die Gruppe „OK“, alles köstliche, eher biedere Figuren, wie eine Familie Gartenzwerge, teils 5-äugig, teils zweiköpfig-je-einäugig und dreibeinig, dreitentakelig. Und dann ist da noch James P.Sullivan, der aus einer berühmten Monsterfamilie stammt, doch der Spross ist nicht ganz so tauglich. Wird sich aber widerwillig in die Gruppe integrieren und kann als der Erfahrenere dem Grünhorn Mike entscheidende Tipps und Ratschläge geben.
Es sind verrückte Bildwelten mit einer reizvollen Differenz zum realen Leben aber mit verblüffender Ähnlichkeit. Zum Beispiel die Szene in der Bibliothek, in der die Gruppen einen Wimpel mit ihrem Namen drauf von eine Büste hoch oben in der Wand holen müssen, ohne dass die Dinosaurier-Schlangen-Figur von Bibliotheksaufseherin aufmerksam wird, allein wie die OK-Truppe ganz leise, Schritt für Schritt in Einerreihe einmarschiert – tja, Bibliotheken sind eben heilige Orte. Und wehe, es knarzt. Dann wächst die graue Bibliothekseminenz ins Unermessliche, ihre Tentakeln greifen aus, umschlingen die Ruhestörer und schleudern sie in hohem Bogen aus der Bibliothek in einen Teich zum Gaudium der dort wartenden Massen.
Oder die erste Probe: ein Hindernislauf praktisch im Dunkeln durch eine Art Tunnel, überall liegen rot leuchtende Stachelkugeln, die furchtbar pieksen können; so dass nach dem Lauf unsere Truppe vollkommen deformiert und aufgequollen dasteht und dazu noch die letzten sind, die eigentlich damit aus dem Rennen raus wären. Konjunktiv.
Angenehm war, den Film in 2D schauen zu können; im Gegensatz zu anderen Animationen wird hier nicht versucht, das Bild mit Figuren so voll wie möglich zu stellen oder die Figuren ständig im Überschalltempo durchs Bild rasen zu lassen, es wurde auf eine klare Handlung, klares Vorstellen der Figuren wert gelegt, was die Geschichte leicht und mit großem Vergnügen verdaulich werden lässt und unentwegt diese merkwürdige Folie zu unseren konventionellen Schulen und Lehrstätten abgibt. Was die Realität sozusagen verrückt verrückt und in eine neues Licht zu setzen vermag. Das ist doch für einen Film ganz schön viel. Und dass die Art Story höchst konventionell ist, wird darüber fast aus dem Auge verloren. Dass es auch nur darum geht, sich gegen Vorurteile durchzusetzen. Ein Thema, was seine Aktualität leider wohl kaum je verlieren dürfte.
Wie immer ist es ein großes Vergnügen in der Originalversion die britischen oder amerikanischen Schauspieler solchen Figuren ihre Stimme leihen zu hören, Billy Cristal, John Goodman, Helen Mirren (ihr Stimme ist jene von Dean Hardscrabble, der Chefin der Monsteruni, einer Mischung aus Giraffe (nicht ganz) und Kackerlacke mit enorm viel Würde und nun wirklich nicht leicht zu erschrecken).
Interessant ist vielleicht auch zu sehen, wie sich ein Konventionalismus der Schreckensverbreitung einstellt und dass die wahrlich kreativen Lösungen auf sich warten lassen und nach Erfindern verlangen, denen man das nicht ansieht. So doch auch ein Film über Konvention, die nicht das A und O sein kann, sich aber so aufführt.
An der Monster-Uni lernen die Studenten genau das, was an realen Unis nirgends gelehrt wird, das Sich-Durchsetzen im Leben, paradox dabei, dass sie es genau mit den gleichen Methoden lernen und pauken wie jeder Student sein normales Fach, ob Jura, Medizin oder Germanistik. Das Lernbare. Das Lehrbare. Die Monster-Uni gibt vor, das Unlehrbare lehren zu können. Fürs Leben lernen wir und nicht für die Schule.
Die Musik macht Stimmung in den Varianten von fetziger Marschmusik über Studentliedermusik bis zum Zirkustusch, fröhlich, unbesorgte Gruppenmusik zu einem nicht ganz unernsten Thema, das Gespenstergehabe, das der Mensch wohl auf einem Weg zu einer Karriere einsetzen muss, auf dem Weg zum Ernstgenommen werden. Ein bisschen eine verkehrte Welt, in der das Nichtverkehrte recht verkehrt ausschaut.