Ein solche Knast-Innenaufnahme, wie hier über dem Abspann läuft, dürfte eher selten sein in der Filmgeschichte: in einem leergeräumten Aufenthaltsraum gegen das Licht und weit von der Kamera entfernt bewegt sich ein Haufen Knastis, eine amorphe Masse aus vornehmlich amorphen Männern, merkwürdig unamorph, als ob der Tango, nach dem sie sich bewegen, immer kleine Blitze aufkommen lässt im Ungeformten. Poetisch-surrealistisch – francisbaconhaft. Zu verdanken haben wir dieses traumhafte Bild wie den ganzen Film der Regie von Frédéric Fonteyne, der ein Buch von Philippe Blasband und Anne Paulicevich als Arbeitsgrundlage hatte.
Während der Film doch eher in belgisch-wallonisch-surrealistischer Manier vom Tango als einem Blitz erzählt, der eine Gruppe mitteleuropäischer Menschen, die das Schicksal verbindet, aus ihrer Alltagsroutine aufschreckt und teils schier durchdrehen lässt, weil unterdrückte oder unbekannte Gefühle plötzlich nach Formung verlangen.
Diese Gruppe Menschen, das ist eine Familie bestehend aus Mama, Alice, und ihren drei Männern. Alice, die alles andere als eine Mama ist, arbeitet als Krankenschwester, raucht und besucht einen Tangokurs. Bei ihr lebt Sohn Antonio, blonde 15, der mit gebannter Miene und hochalert die Veränderungen der Adoleszenz geradewegs aus seinem Gesicht plautzen lässt. Die beiden anderen Männer, ihr Ehegatte und ihr Freund, befinden sich beide im Knast.
Alice ist mit der Führung des Haushaltes überfordert. Das belegt eine Szene, in der sie Berge von Wäsche bügeln möchte, allein das Bügelbrett aufbauen, während sie mit einer Hand raucht und mit der anderen noch Fleisch braten möchte; derweil der Sohn in seinem Zimmer die Musik auf Stadionlautsprecher einstellt. Er hat eben im Knast bei einer Besuchsstunde erfahren, dass Dominic, der Freund der Mutter, sein leiblicher Vater sei und nicht Fernand, der offizielle Ehemann.
Aber Antonio weiß, wo der Vater seine Pistole aufbewahrt hat. Die muss jetzt dazu dienen, der ausgiebig vorgestellten Konstellation und mit dem Tango-Input, der viele Gefühlsverwirrungen an den Tag bringt, zu einem heftigen Höhepunkt im Sinne des Begriffe „libre“ zu verhelfen.
Denn ein weiterer Mann ist für die dramatischen Entwicklungen entscheidend von Belang (die beiden Männer von Alice sind wegen eines Geldtransporter-Überfalles im Knast, bei dem es einen Toten gegeben hat. Dort auf der Landstraße ist jetzt ein kleines Holzkreuz aufgestellt mit Blumen davor und einer eigens installierten Ampel, vor der jedes Auto zu einem Gedenkhalt gezwungen wird, schöne Erfindung, sollte man öfter machen); dieser weitere Mann also ist Jean-Christophe, gerne J.C. genannt, er ist eine weitere von ihren Gefühlen her als problematisch und undefiniert zu beschreibende Männerfigur, erweckt den Eindruck von Unsicherheit, Ängstlichkeit, Minderwertigkeitsgefühl; er wirkt schwerblütig, absolut non-aggressiv, eher der Opfertyp, er wirkt, als könne er sich nicht für sich wehren, schaut aus matschigen Augen wie ein Kaninchen in lichtloser Käfighaltung, er wirkt irritierbar; er wirkt als habe er permanent ein schlechtes Gewissen; mit solchen Leuten leidet vom ersten Moment an mit, wer sich eine Grundsensibilität erhalten hat; wenn nicht, will man wohl vom ersten Moment an mit so einem Menschen brutale Spielchen treiben; er lebt allein, besucht auch den Tango-Kurs, was ihm sehr zu taugen scheint. Er ist Knastwärter.
Der nächste Angehörigen-Besuchstag offenbart die brisante dramaturgische Konstellation. Eine Besucherin ist Alice, die er eben beim Tango-Kurs kennen gelernt hat. Schnell checken die Männer von Alice, was es mit J.C. auf sich hat; da flammt im Knast plötzlich die Tangomanie auf, phänomenal. Die führt aber auch zu Schlägereien; nicht verwunderlich, dass Christian bald drauf mit Halskrause rumläuft. Tango ist Erde und Blut, Herz und Schmerz, auch in Belgien. Und symbolisiert, das wird am Ende brachial zu sehen sein, unwiderstehlichen Freiheitsdrang. Gegengift gegen den Knast.
Vielleicht könnte man das Ganze auch mehr als eine zwar hochgefühlvoll dargebrachte, gerade durch die vielen Momente inneren Monologes, der die Aufgewühltheit der Figuren, dass sie mit ihren Erlebnissen gar nicht umgehen können, nur noch deutlicher zum Ausdruck bringt, als eine schier durchgeknallte, surrealistische, akademisch-filmische Erwägung betrachten. Die ein schroffes Schlaglicht auf die Gefühlskondition dieser mitteleuropäischen Menschen wirft, die aber jeden Realismus vermeidet. Ein krasser Existenzialismus tritt zutage, ein absurder Existenzialismus. Figuren, die sich in ihren Gefühlen nicht entscheiden können, denn Liebe hieße, sich entscheiden können, erfahren wir. Aber es gibt, das zeigt dieser Film auch, Situationen, in denen Entscheide nicht leicht fallen. Wenn da nicht die Freiheit als gemeinsames Ziel wäre. Und der Tango.