Das Knallige an diesem Film ist der Widerspruch zwischen dem festen, präzisen Zugriff der Inszenierung und der Geschichte, die Peter Hedges nach einem Konzept von Ahmet Zappa zum Drehbuch umgearbeitet hat.

Die Geschichte ist ein poetischer, fast lyrischer Traum eines kinderlosen Ehepaares vom perfekten Kind. Da sie keine leiblichen Kinder bekommen können, erträumen sie sich ihren Jungen, schreiben alle positiven Eigenschaften, die sie sich an ihm wünschen auf Zettel, packen diese Zettel in ein kleines Kistchen, vergraben das Kistchen im Garten. Nachts bricht über dem Haus ein Gewitter los, nur über dem Haus. Das Erdreich über dem vergrabenen Kistchen wölbt sich. Und schon huscht, für den Zuschauer kaum wahrnehmbar mehr wie ein Schatten, eine Figur ins Haus.

Die Eheleute Cindy und Jim sind aufgewacht, sind beunruhigt, spüren etwas, suchen und finden Timothy. Er ist ein normaler Junge von vielleicht zehn Jahren. Er kann perfekt sprechen, menschlichen Kontakt erwidern, das einzig Irritierende an ihm sind grüne Blätter, die ihm an den Unterschenkeln wachsen. Die Eltern haben ihren Traumjungen.

Mit der Verwirklichung des Traumes fangen die Probleme an. Wenige Stunden später trudelt nämlich die halbe Verwandtschaft zu einem Fest bei den Greens ein. Der Junge integriert sich prima. Aber die Eltern wollen nicht, dass die Verwandten nachfragen, sie wollen die Blätter an den Beinen des Jungen mit dicken Strümpfen verdecken.

Die Greens werden in der nächsten Zeit nun jede Menge Situationen mit ihrem Jungen erleben, im Fussball, in der Schule, beim Hauskonzert der Schwester von Cindy. Sie benehmen sich wie ganz normal-hysterische, amerikanische Eltern, können den Jungen viel zu wenig loslassen.

Das alles wird von Hedges auf die Leinwand gebracht wie mit spitzem Bleistift und größter Akkuratesse, in jenem amerikanischen Filmrealismus, der fast aus Beton gegossen sein könnte und wo alles, vom Handwerklichen aus besehen, im Lot ist, und wo man den Schauspielern ganz genau ansieht, dass sie Regieanweisungen ausführen. Die an sich poetische, lyrische Idee von so einem Phantasiejungen wird dadurch entpoetisiert. Das lässt den Zuschauer zuweilen etwas ratlos.

Kein bisschen differenziert von der poetischen Jungengschichte werden von der Inszenierung her weitere Handlungsstränge eingeführt. In Stanleyville, North Carolina, das ist der kleine Ort, wo das alles spielt, gibt es eine Bleistiftfabrik und ein Bleistiftmuseum. Die Bleistiftfabrik hat wirtschaftliche Probleme. Jim arbeitet dort. Und Cindy arbeitet im Bleistiftmuseum. Weiter muss in die Handlung, vom Dramaturgischen her gesehen fast wie mit dem Brecheisen eingearbeitet werden die zarte Beziehung von Timothy (der in der Gesellschaft ein wenig gelittener Außenseiter ist) zu Joni, die einen riesigen roten Flecken über ihrer Brust hat, seines Vaters Wunsch, dass er in der Fußballmannschaft mittrainiert und mitspielt, eine Rivalität zwischen Cindy und ihrer Schwester, eine die Fabrik rettende Erfindung eines Bleistiftes, der aus Laub hergestellt wird, die Kündigungsthematik in der Fabrik, der Ideendiebstahl des Sohnes des Fabrikdirektors und schließlich im exakt gleichen Realitätslevel ein immer wieder dazwischen geschnittenes Gespräch von Cindy und Jim mit zwei Vertretern der Behörden, die entscheiden müssen, ob das Ehepaar ein Kind adoptieren dürfe. Eine Rahmenhandlung? In dem Gespräch erzählen die Greens die Geschichte, die der Zuschauer auf dem gleichen filmischen Realitätsniveau zu sehen bekommt.

Rein theoretisch könnte es also so sein, dass auf der realistischen Ebene der Geschichte, allenfalls der Rahmengeschichte, die beiden ein Kind adoptieren dürfen, weil sie ihre Fantasiegeschichte so glaubwürdig rüber bringen, denn nach einem Schnitt und nicht klarer zeitlicher Distanz nach dem Verschwinden des Blattjungen, werden sie glückliche Adoptiveltern. Wobei zu fragen wäre, darf, wer gut flunkert, Kinder adoptieren; oder handelt es sich hier um einen adoptionskritischen Film:?

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