Nach der Revolution

Ein in dreifacher Hinsicht aufregender Film.

Allein schon durch das Need, die Dringlichkeit das erzählen zu müssen, bringt Yousry Nasrallah, der Regisseur, der mit Omar Sham auch das Drehbuch geschrieben hat, Erzähl- und Kinopower in den Film.

Mindestens so spannend ist der Einblick, den er uns damit ins ägyptische, kommerzielle Starkino à la Hollywood liefert.

Als Drittes ist der Film selbst ein komplexes Gebilde aus Verarbeitung der neuesten Geschichte, der Revolution vom Tahir-Platz, mit der differenzierten Betrachtung von pointiert ausgewählten Akteuren und damit einen Einblick in die ägyptische Gesellschaft leistend, wie es die News-Sendungen nicht vermögen. Als besonderer Live-Effekt wirkt die Einarbeitung von Archiv-Material von den Demonstrationen vom Tahir-Platz.

Besonders eine Szene, die Schlüsselszene gewissermaßen, wird immer und immer wieder gezeigt; sie ist das Ferment in diesem Film. Unser Protagonist Mahmoud reitet auf seinem Pferd mit anderen Reitern in die Demonstration und versucht die Menge auseinanderzutreiben. Die Reiter sind, das muss hinzu gefügt werden, nicht mit Waffen bestückt. Mahmoud wird von der Menge vom Pferd gerissen und arg zugerichtet. Er ist ein einfacher, vielleicht etwas listiger und ebenso einfältiger Ägypter, der sonst das Pferd – er wohnt in Nazlat bei den Pyramiden – den Touristen anbietet.

Dieser Reiter, Mahmoud, wird die Figur im Film, die zwischen die Konfliktlinien gerät. Er ist ein Darsteller, ein Männertyp wie Filmstars bei uns oder in Hollywood in den 70ern oder gar früher. Ohne Mühe gewinnt er mit seiner Natürlichkeit und Konzentration, mit seiner Männlichkeit und Nonaggressivität die Empathie des Publikums.

Mahmoud ist verheiratet mit Fatma und hat zwei Buben im Volksschulalter. Aber wie die mit dem Pferd umgehen, Dressur, vor allem Abdallah der Ältere, da würde vermutlich jede spanische Reitschule neidvolle Blicke werfen. Abdallah heißt Abdallah nach dem Paten, dem fernen Onkel, dem, der in Nazlet das Sagen hat; dem auch das Haus gehört, in dem Mahmoud wohnt. Ein weltumarmender, weltverschlingender Typ, jovial; ganz hinten in seinem ausgedehnten Reitstall versteckt hat er ein beachtliches Waffenlager. Und auch einen neuen Job für Mahmoud, dem sein Auftritt bei der Demo nicht wohl bekommen ist und die ihn seinen Job gekostet hat.

Hier kommt Reem ins Spiel, eine engagierte Ägypterin, die für die Demokratie und für die Revolution ist. Sie macht Mahmoud ausfindig und fängt an, Pferdefutter zu bringen. Dass sich da mehr als eine politische Beziehung anbahnt, ist wiederum Gift für Mahmouds Familie, aber auch für das Verhältnis zu Abdallah, der das nicht gerne sieht, wenn eine Revolutionärin in seinem Bezirk auftritt und für angeregte bis hitzige Diskussionen sorgt.

Die Demo, in der die Pferde aufgetreten sind, ist als die „Kamelschlacht“ in die Geschichte der Kairoer Demos eingegangen.

Schönstes Hollywood-Kino, wenn Reem, ihr Fotograf und Mahmoud auf einer Anhöhe hinter der Mauer von Nazlet, die die Ortschaft von den Pyramiden abschirmen soll, stehen und das Touristen-Spektakel „Son et Lumière“ betrachten, die drei als nah aufgenommene schauende, schweigende Filmhelden präsentiert werden.

In den Diskussionen geht es um die Demokratie. Ein abstraktes Gut. Während die patriarchalische Patenherrschaft von Abdallah konkret-begreiflich wird, er der verständige, der die Übersicht hat, der doch keinem in seiner Familie etwas zu leide tun würde, der sich freut, wenn die Kinder seiner Gefolgsleute auch Abdallah genannt werden, egal ob Bub oder Mädchen. Köstlich die Szene, in der Abdallah vorgestellt wird. Er trainiert gerade auf seinem Hometrainer mit der launigen Bemerkung, dass die Doktoren ihm das verschrieben hätten und zeigt stolz, wie schlank er, der schwere Herr, schon geworden ist.

Mahmoud hingegen wird im Film einmal beschrieben als einer der nur Spaß haben und Touristen abzocken will. Begriffe wie Revolution, Freiheit, Verfassung sind für ihn etwas, was ihm nicht gerade nahe liegt. Am Schluss des Filmes wird er mit sichtbarer Mühe versuchen, eine Pyramide zu erklimmen, was sie als Kinder spielend gemacht haben. Dieser Aufstieg wird hier gezeigt als ein Bild für den Weg zur Demokratie in Ägypten, nimmt und nimmt kein Ende, da kann den ganzen Abspann über noch Demo-Sound eingespielt werden, irgendwann weicht er doch ägyptischer, traditioneller Gesangsmusik.

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