Das Vorspiel zu diesem Dokumentarfilm von Dieter Reifarth besteht aus sieben Minuten von routinierten Sprechern routiniert vorgelesenen, architekturphilosophischen Reflexionen zum Objekt des Filmes, dem Haus Tugendhat von Mies van der Rohe (dessen Familienname nach einer Dreiviertelstunde zum ersten Mal ausgesprochen wird), welches 1930 von der Familie Tugendhat in Brünn, Tschechei, errichtet wurde und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.
Untermalt wird die feierliche Lesung mit moderner, atonaler Wenig-Ton-Streicher und Trommelmusik – für die Sonntagsmatinée. Damit versucht Reifarth darüber hinweg zu täuschen, dass auch er nur einer jener Wegelagerer des berühmten Hauses ist, wie ein Nachkomme der Hausbauer alle nennt, die mit diesem inzwischen weltbekannt gewordenen Objekt ihr Geschäftchen machen wollen.
Das Objekt ist äußerst ergiebig, äußerst nahrhaft mit all den Geschichten, die mit ihm verbunden sind. Aber Reifarth führt auch in die Irre, wenn er an den Anfang architekturphilosophische Texte setzt, denn das ist nicht die Haltung, die er zum Thema einnimmt, vielmehr versucht er mit dieser Einleitung darüber hinwegzutäuschen, dass er überhaupt keinen klaren Standpunkt zum Objekt hat, schon gar nicht den archtekturphilosophischen oder den architekturhistorischen, der spielt nämlich weiter kaum eine Rolle; sondern dass er als fleißiger Sammler und grosso modo historisch chronologisch ständig neue Fundstücke aus seiner Sammlerkiste hervorzieht.
Das sind Interviews mit Nachkommen der Familie Tugendhat, mit einem früheren Kindermädchen, mit Architekten, Kunsthistorikern, Architekturhistorikern, Denkmalpflegern, Restauratoren, Literaturwissenschaftlern, Generalmusidkirektoren, Sängern, Filmregisseuren, späteren Bewohnern und Benutzern des Hauses, mit der heutigen Chefin des Hauses, das inzwischen ein Museum seiner selbst geworden ist, bis zur Verwendung des Hauses als Bühnenbild für die Hochzeit des Figaro in Brno.
Das sind historische Filmaufnahmen, zum Beispiel Einfahrt von Hitler in Brünn, Super-8-Filme aus der Familie Tugendhat und ihrer Nachkommen, immer wieder Bilder vom Haus selbst in verschiedenen Zuständen und Nutzungen. Es ist der typische große Wischiwasch an Material, was zwar für eine Fernsehdokumentation reichen mag, im Kino aber schier unerträglich ist. Wobei der Stoff für mehrere hochspannende Geschichten reichen würde.
Das Zuviel an Geschichten, das ist das Manko dieses Filmes. Da wäre allein ein spannender Faden, wie ist das Haus über die Jahrzehnte zu dieser unglaublichen Berühmtheit gelangt. Davon fühlen sich auch die Nachkommen der Familie überrannt, denn sie waren eine private Industriellenfamilie. Oder ein Film allein über die Restaurierung von so einem Gegenstand. Dann wäre die Geschichte der Familie ein Faden, der vermutlich für mehrere weitere Filme vollauf genügen würde. Die Flucht während der Nazizeit über Venezuela und dann in die Schweiz. Dann wäre die Geschichte des Hauses selbst, die hier auch immer wieder vorkommt. Vom Privathaus der Familie Tugendhat zum Naziaufenthaltshaus, zur Vermietung an einen deutschen Waffenfabriksdirektor, zum Skoliose-Reha- und Turnzentrum in der Sowjetzeit und zur Residenz für Diplomaten (unter denen 1993 im Garten des Hauses die Trennung von Tschechien und Slowakei zwischen Klaus und Meciar entschieden wurde) bis zur gewerblichen Vermietung an Filmteams, sei es Werbung für einen Möbelgroßhändler oder für den Spielfilm „Post Coitum“, bis zur Verwertung der Geschichte der Familie und des Hauses als Rohstoff für einen fiktionalen Roman, der auch noch verfilmt werden soll, bis zum fertig restaurierten Museum. Alles Wegelagerer des berühmten Hauses, wie Nachkomme und Soziologe Michael sie nennt.
Zu den weiteren Wegelagerern dieses berühmten Hauses gehören die Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen (Dr. Frauke Gerlach, Vorsitzende des Aufsichtsrates), die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (Dr. Nikolas Hill, Vorsitzender des Aufsichtsrates), der Hessische Filmförderfonds (Maria Wismeth, Hauptgeschäftsführerin der Hessischen Filmförderung) und der Deutsche Filmförderfonds (Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien), die sich mit ihrer offensichtlich recht blinden Unterstützung des Projektes Lorbeeren einzuheimsen erhoffen. Was ihnen hinsichtlich der Kinoqualität des Filmes sicher nicht gelungen ist. Aber so ein berühmter Name, das beweist das Exemplum, öffnet eben viele Türen und vor allem Geldhähne, lockt Wegelagerer en masse an.
Hier steckt mehr Sammler- und Kompilationsfleiß als strukturierend erhellender Geist mit einer klaren Haltung dahinter; gewissermaßen mit dem Strom der Wegelagerer schwimmen. Doku ohne eine das Zuschauerinteresse faszinierende Leitidee.