Olivier Assayas nimmt mit diesem Film den Zuschauer mit auf eine intime Zeitreise in die frühen Siebziger in die Nähe von und nach Paris, aber auch an Orte, die Traumorte jener aufrührerisch-emotionalen, visionären Jugend waren: nach Italien und indirekt sogar nach Afghanistan.
Seine Hauptfigur ist Gilles, Clément Métayer, ein Student, den Assayas sich so ausgesucht hat, dass er selbst es hätte gewesen sein können, ein sensibler Mann, ein liebeshungriger Mann, der sich treiben lässt von den Strömungen seiner Zeit, die da aus Aufruhr, Rebellion, heimlichem Flugblätterdrucken, nächtlichem Besprayen von Mauern mit Parolen oder aus Bekleben mit Plakaten bestand.
Gilles scheint diese rebellisch-philosophischen Moden teils aus Neugier, teils aus Mangel an Widerstand mitzumachen, obwohl tiefer in ihm, das wird der Film zeigen, doch ein Künstler, ein Zeichner und Maler schlummert. Aber so etwas will seinen Weg an den Tag finden. Diesen Weg zeichnet der Film gefühlvoll und auch gerne ausgiebig ausmalend nach, dabei glaubwürdig in die bebende Atmosphäre jener Zeit eintauchend.
Das Leben des jungen Studenten und seiner Kommilitonen besteht demnach aus purer Romantik, rein-romantischen Träumen von einer schönen Frau im weißen Kleid in unschuldiger Natur, vom Studieren, auch Marx und Hegel und Engels und auch deren Kritiker, von der chinesischen Kulturrevolution, aber auch Blaise Pascal, der wird an der Uni behandelt. Die Pensées, tiefschürfende Gedanken über die Eitelkeit der Welt und den allfälligen, tieferen Sinn der Existenz. Programmatisch für die Suche, die in diesem Film nachvollzogen wird.
Auch an der Herausgabe der Studentenzeitschrift „Tout“ ist Gilles beteiligt. Assayas geht mit seiner Filmerei pragmatisch vor, geht nah an die Figuren ran. So wirken die nächtlichen Wand“schmierereien“ am Unigebäude und die Flucht vor den Sicherheitsleuten wie echt, wie dokumentarisch. Weil die Aufpasser einen Hinweis auf einen von den Studenten gefunden haben, wollen diese jenen eine Lektion erteilen mit einem Molotowcocktail, den sie vor den Wachraum werfen. Dabei kommt es zu einer Verfolgungsjagd und zu einer kleinen Materialschlacht, bei der einer der Wachmänner zu Boden geht und einige Zeit im Koma bleibt. Dieser verpfeift dann just denjenigen Studenten, der nicht dabei gewesen ist, ein Dilemma, was die Studenten mit sich rumtragen müssen.
In den Semesterferien verschwinden sie vorsichtshalber aus Frankreich. Die einen nach Italien, wo sie Kommilitonen in ihrem Kampf unterstützen sollen. Aber für Gilles ist das Bedürfnis nach Liebe nicht minder stark. Der Begriff Toscana-Fraktion kommt einem in den Sinn. Denn auch in Florenz halten sich Gilles und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen auf. Man zeigt dort Open-Air einen Film über den Arbeiterkampf in Laos. Aber auch Pompeji wird besichtigt, die vulkanisierten Menschen vom historischen Vulkanausbruch erinnern an das Eingangszitat von Blaise Pascal.
Wir werden Zeuge einer Malstunde. Aktzeichnen ist angesagt. Ein Tipp des Professors: bitte großflächiger über das ganze Blatt zeichnen. Dieser Film von Assayas wirkt für mich so, als sei er nach dieser Anleitung gemacht. Im Leben von Gilles wird das Interesse an Kunst immer stärker, überhaupt stellt sich auch bei seinen Kommilitonen immer stärker die Frage nach den Brötchen. Es gibt Risse im rebellischen Gefüge. Auch seine Freundin Christine, Lola Créton, geht immer öfter ihre eigenen Wege. Zuhause hat Gilles Diskussionen mit seinem Vater, der Fernsehproduzent ist. Es geht um die Verfilmung von Maigret, die der Vater für sinnig hält. Der Sohn widerspricht an dieser Stelle noch heftig theorieindoktriniert, das Fernsehen würde die Massen missbrauchen.
Später, fast schon am Schluss werden wir ihn in den Pine-Wood-Studios in London erleben, wie er Abschirmdienst bei Dreharbeiten leistet. Zeichnungen von ihm werden jetzt in Zeitschriften aufgenommen. Oder bei einem Konzert hilft er bei der Light-Show mit gemalten Schablonen mit. Die ersten Schritte zu einem Broterwerb. Die Revolution, die war einmal. Die Drogen- und Hippie-Party scheint da schon längst ein Relikt aus anderer Zeit zu sein.
Während dem Film ging mir die Frage im Kopf herum, ob wir nun was gelernt hätten aus jener Zeit. Oder ob dieses Studentenalter prinzipiell das theoretische Menschenalter ist, das sich dann mehr oder weniger geschickt den Absprung in die Praxis suchen muss. Oder ob in den 70ern wirklich mehr Freiheit und Offenheit für dieses Alter gegolten hat.
Als Aufhänger für die Erinnerung, als späten Kontrapunkt hat Assayas, damit dieser Übergang nicht ganz so akzentlos und also leicht zu vergessen vor sich gehe, noch einen revolutionären (aus der Sicht indoktrinierter Studenten) oder kriminellen (aus der bürgerlichen Sicht) Akt in den Film genommen, an dem Gilles, auch für ihn sicher ein markanter Schlusspunkt, teilnehmen muss, gezwungen von gewissermaßen hauptamtlichen Revolutionären (denjenigen, die bald darauf in den Terrorismus abgeglitten sind), er soll mit einem Kameraden einen ersten Fluchtwagen, der bei der Tat möglicherweise beobachtet werden konnte, entsorgen. Man sieht ihn gespannt in einer leeren Straße stehen, Freund Jean-Pierre (das war der fälschlicherweise Verpfiffene) wartet hinter einer Ecke auf dem Motorrad. Das Fluchtauto rast in die Straße. Vier nicht erkennbare Figuren rennen in höchster Hast in das bereitstehende, nächste Fluchtauto. Gilles zögert einen Moment, dann gerät er in Hektik, stürzt sich in den Wagen, braust davon, Jean-Pierre auf dem Motorrad hinter ihm her. Aufs Feld hinaus. Ein Tuch in den Benzintank gestopft, angezündet und auf dem Rücksitz von Jean-Pierre weggebraust.
In den Pinewoodstudios, wo Gilles arbeitet, wird übrigens gerade eine Nazi-Parodie gedreht mit einem Dinosaurier. Die Hauptdarstellerin auf dem Nazi-U-Boot hat leider etwas zu spät reagiert.